Neues Album von Pogendroblem: Und mit 30 kommt der Untergang | ABC-Z

„Great Resignation“ – der Begriff bezeichnet das massenhafte Kündigen von Bullshitjobs während der Coronapandemie 2020 bis 2022. Heute schon fast vergessen, hätte die weltweite Seuche auch Anlass sein können, die Gesellschaft radikal neu zu organisieren. Es kam bekanntlich anders und das befreiende Moment, das in der Great Resignation steckte, ist einer Großen Resignation gewichen.
Die Kölner Punkband Pogendroblem liefert mit ihrem vierten Album „Great Resignation“ den Soundtrack zu diesem Befund. Zwölf Songs in weniger als 24 Minuten, schnell, krachend und stets getrieben von der Frage: Wie zur Hölle navigiert man durch die multiple Krise? „Es ist nicht leicht / Mit dieser Zukunft umgehen zu müssen.“ In Anlehnung an den italienischen Philosophen Antonio Gramsci postulieren Pogendroblem in der Gen-Z-Hymne „Unser Jahrzehnt“ eine „Zeit der Monster.“
Und stellen schon im Songtext zuvor fest: „Es kann nicht immer so weitergehen“. Er ist die größte Neuerung auf dem Album, Schlagzeugerin Sarah Benter singt zum ersten Mal. Kurzes Gitarrenintro, treibende Drums und ein knapper, mantraartiger Text. Benter liefert einen Abgesang auf unverbindliche Beziehungen, diese Perle von einem Punksong ist aber auch eine treffende Zeitdiagnose.
Der Schelm blitzt auf
Zeitdiagnostik konnten Pogendroblem schon immer: Alltagsgeschichten spielerisch mit Politik verknüpfen und sich dabei selbst nicht allzu ernst nehmen. Der Schelm blitzt auch auf dem neuen Album auf, etwa wenn die Band in „Self Checkout“ den Ladendiebstahl der „Shoppingmaus“ als „Inflationsausgleich“ besingt. Oder in „Alles oder Nichts“ postuliert: „Ich will den Kontrollverlust / Aber bitte kontrolliert.“
Die Leichtigkeit früherer Alben ist allerdings größtenteils verschwunden, auch Pogendroblem sind inzwischen um die 30: „30 werden / untergehen“. Aber vielleicht liegt es nicht am Alter, sondern an den Verhältnissen. Deren Zumutungen bringen Pogendroblem zielsicher auf den Punkt. Auf „Great Resignation“ besingen sie die Fragmentierung von Gesellschaft, Beziehungen und der Linken.
Pogendroblem: „Great Resignation“ (Kidnap Music/The Orchard/Indigo)
Der Song „Die Sache“ ist simpel, aber trifft: „Ich tue alles für die Sache / Wann tut die Sache was für mich?“ – welche Aktivist*in hat sich das nicht schon selbst gefragt? Angesichts von Klimakatastrophe und Faschisierung wird Aktivismus immer dringlicher, führt aber gleichzeitig zu Überforderung.
Phantomschmerzen?
Und Depression, ein Thema, das es zu selten auf Punkalben schafft, aber in „Starke Schmerzen“ verhandelt wird. Wie stets bei Pogendroblem bleibt vage, ob die starken „Schmerzen / Im Herzen“ vom Politischen oder Persönlichen ausgelöst werden. Sicher ist, dass die Fragmentierung auch ins Innerste reicht: „Nicht so gut darin / mich selbst zu spüren.“ Das ist Verletzlichkeit und Kritik am eigenen Umgang damit in einem.
Songzeilen wie diese zeichnen die Songs von Pogendroblem aus, gepaart mit Spaß am Experimentieren (Stichwort: Brotschneidemaschine und Elektroharfe). Auch das neue Album folgt dem bewährten Konzept: stilistisch alles von Postpunk bis Hardcore, kombiniert mit zwei sehr unterschiedlichen Stimmen und gutem Songwriting.
Georg Gläser klingt manchmal nach Neuer Deutscher Welle und streut Theorieanleihen in die Texte ein. Die Songs sind oft experimenteller als im Punk erlaubt, manchmal poppig, manchmal Garage, gerne mit Synthesizer. In „Starke Schmerzen“ löst sich zum Ende hin nicht nur die Erzählfigur, sondern der gesamte Song in einem halligen Klangteppich auf.
Frieder Theißen besingt hingegen klassische Deutschpunk-Themen mit Scheiß-drauf-Attitüde und Mitgrölpotenzial. Von dieser Spannung lebt die Band. Bei „Praxis ohne Theorie“ fragt man sich allerdings, ob der Diskurs nicht an seine Grenzen kommt. Es ist der vielleicht eingängigste Song des Albums, treibende Drums, schnelle, schrammelige Gitarren, ganz viel rohe Energie, die einen fast nötigen, mitzusingen und sich in die Menge zu werfen.
Der Songtext dreht sich um linke Selbstverständlichkeiten, für die es (eigentlich) keinen Marx-Lesekreis braucht. Die Vorstellung von hunderten (überwiegend männlichen) Punks, die auf einem Konzert den catchy Refrain „Praxis ohne Theorie“ grölen, lässt allerdings an die Barbarei denken, gegen die Pogendroblem ansonsten ansingen. Das steht in merkwürdigem Kontrast zu Liedern, die auf Walter Benjamin Bezug nehmen.
Abgesang auf den Fortschrittsglauben
Davon abgesehen, liefert „Great Resignation“ wunderbare Musik. Das Album endet mit dem tieftraurigen „Von gar nichts haben wir uns befreit“: Ein melancholisches Gitarrenriff, zu dem Gläser mehr postuliert als singt, verursacht Gänsehaut, dann ein langsamer, düsterer Bass. Und sobald Gläser „Von gar nichts habe ich mich befreit“ schreit, möchte man anfangen zu weinen. Es ist ein Abgesang auf den Glauben an gesellschaftlichen Fortschritt.
Das emotionale „Es tut mir leid“ am Ende des Songs lässt einen ratlos zurück. Aber es erinnert auch nochmal daran, dass es eindeutig nicht so weiter gehen kann. „Von gar nichts haben wir uns befreit“ bringt den politischen Gesamtzustand 2025 schmerzhaft auf den Punkt. Es ist einer der besten Songs der Band bisher. Auf dem wahrscheinlich besten Deutschpunkalbum dieses deprimierenden Jahres.





















