Kultur

“Tatort” Dresden: Ich brauch ein bisschen frische Luft | ABC-Z

Vor einem Monat fand das Fernsehfilmfestival Televisionale statt: an
neuem Ort – Weimar statt Baden-Baden. Als einzig bereits ausgestrahlter ARD-Sonntagabendkrimi gehörte die allenfalls
mittelmäßige Kölner Tatort-Folge
Colonius
zu
den nominierten Filmen, was an der Expertise bei der Vorauswahl zweifeln lässt
angesichts von schöneren und gekonnteren Tatort– und Polizeiruf-Filmen.
Gewonnen hat Colonius nix.

Auf der Televisionale wurde auch diskutiert, wie der
Osten beim deutschen Fernsehfilmproduzieren so vorkommt
, was auch das Netzwerk Quote-Ost beschäftigt. Weil es bei
Quotierungsdiskussionen schnell unsachlich werden kann (“geht doch nur um
Qualität”), ist es wichtig zu betonen, dass, sagen wir, der Erzgebirgskrimi
natürlich von westdeutschen Produktionen in den entscheidenden Departments
Regie und Drehbuch dominiert werden kann. Das geschieht ja die ganze
Zeit, während umgekehrt ostdeutsche Kreative zum Ausgleich nicht
überproportional beim, sagen wir, Taunuskrimi vertreten sind. Was tun?

Die neue Dresdner Tatort-Folge weiß leider keine
Antwort. Zwar gibt es in Nachtschatten (letzte MDR-Redaktion: Sven
Döbler) nicht nur Martin Brambachs Revierleiter Schnabel als Figur, die den
Krimi dialektal da verortet, wo er spielt. Mit mehr spezifisch Dresdner
beziehungsweise ostdeutscher Realität ist nicht zu rechnen. Das könnte damit zu
tun haben, dass Regie und Drehbuch in den bisher 20 Folgen auch in Dresden vor
allem westdeutsch besetzt sind und den Erfahrungen am Schauplatz entsprechend
fern.

Für Nachtschatten hat sich Drehbuchautorin Viola M.
J. Schmidt (Die Schule der magischen Tiere 1–3) eine Geschichte
ausgedacht, die an den Fall von Natascha
Kampusch
erinnert. Die 16-jährige Amanda (gespielt von der 26-jährigen
Emilie Neumeister) rennt verwirrt durchs nächtliche Dresden, ehe sie aufgegriffen
wird und Kommissarin Winkler (Cornelia Gröschel) eine abenteuerliche Geschichte
erzählt. Der Papa würde sie und die gleich alte Schwester Jana einsperren, weil
die Welt ein böser und gefährlicher Ort sei.

Eine gewagte Wahl für einen Tatort, weil falsches Genre: Die Geschichte von Kampusch wie die von
den Turpin-Geschwistern in den USA
ist eher Thriller als Krimi. Der
jahrelange Horror, gefangen gehalten zu werden, wird erst rückblickend sichtbar
im beglückenden Moment der Emanzipation – einer länger und insgeheim geplanten
Flucht.

In Nachtschatten darf die entkommene Amanda dagegen
nicht happy sein, sondern muss “verstört” tun, weil der Film sonst gleich
wieder zu Ende wäre. Also verwendet der Tatort seine erste Hälfte wenig inspiriert
auf den Dissens zwischen Winkler und Schnabel, ob es sich bei Amandas
Geschichte um die alarmierende Wahrheit handelt oder Einbildung.

Die Sache wird
nicht spannender, wenn man am Ende erfährt, dass Amanda weder Schwester noch
Vater je gesehen hat und dafür einem Märchen ihrer Mutter (Nina Kunzendorf) aufgesessen
ist. Das Gefühl der Täuschung ist für die Betrachterin noch mal größer, weil die
Montage (Andreas Baltschun) zuvor suggeriert hatte, dass es Jana gibt – Bilder
mit junger, bleicher Frau aus dem Keller, die sich mit dem späteren Wissen als
Rückblenden mit Amanda herausstellen.

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