Politik

Auch Luther hilft: 2026 sind gute Nachrichten nüchtern | ABC-Z

Wer kennt es nicht, das Gejammer über all die schlechten Nachrichten? Mancher will deshalb kaum noch Informationen über das Weltgeschehen konsumieren. Alles schlimm?

Ja, aber das war schon immer so. Noch jede Generation glaubte, in besonders unruhigen Zeiten zu leben, wo doch früher die Lage ganz überschaubar gewesen sei. Auch wenn die Welt sich immer schneller drehen sollte, so ist doch eines nicht neu: Das Außergewöhnliche interessiert mehr als das Gewöhnliche. Die Abweichung erscheint spannender als das vermeintlich Normale, der Bruch erregt mehr Aufmerksamkeit als Konformität.

Auch wenn die alte Welt, alte Gewissheiten und Bündnisse auseinanderzufallen scheinen, so sind umso mehr eine nüchterne Beurteilung der Lage und kühles Handeln gefragt. Schon deshalb, weil zu einer herausfordernden Situation der alte Wunsch nach Aufmerksamkeit kommt. Für Dauer-Wahlkämpfer und manche mediale Verstärker ist das lebenswichtig.

Krawall ist nicht das Wesen von Politik

So entsteht mitunter der Eindruck, Krawall sei schon das Wesen von Politik. Der Inhalt bleibt auf der Strecke. Das hat seinen Preis. Wenn das Abnorme, das Unsachliche zur Norm wird, wenden sich viele ganz ab. Und stumpfen ab. Genau das ist das Ziel der Strategie, die Trump-Berater früh ausgegeben hatten, sehr viel Müll zu erzählen, den Kanal zu fluten. Offenbar ein erfolgreicher Plan.

Aber diese Masche klappt nur, wenn nicht dagegengehalten wird. Wichtig bleibt daher, immer wieder an das tägliche Gute und Glück zu erinnern. Das haben auch Medien immer wieder mal gemacht: Tausende von Flugzeugen sicher gelandet. Millionen von Kindern gesund geboren. Das ist nicht jeden Tag eine Schlagzeile wert, auch wenn es jeden Tag passiert.

Offenbar will der Bürger, will der Kunde, der Leser, nicht nur die Schlechtigkeit dieser Welt, sondern auch das selbstverständliche Gute nicht immer wieder vorgehalten bekommen. Es gibt schließlich unbestreitbar berichtenswerte Missstände – und der Schrecken strahlt auch eine gewisse Faszination aus. Man kann freilich auch von Ausnahmen lernen. Wer also über Ausnahmen berichtet, muss auch die Regeln nennen. Hier trennt sich die Spreu vom Weizen, politisch wie medial.

Nicht verallgemeinern, nicht verschweigen

So zu tun, als sei das Ungewöhnliche das Gewöhnliche, kann Ressentiments schüren. Jede Missetat eines Einzelnen einer ganzen Gruppe zuzuschreiben, ist gefährlich – niemand, der so verallgemeinert, würde ein solches Muster gegen sich selbst und die Gruppe gelten lassen, der er sich zugehörig fühlt. Umgekehrt heißt das nicht, das man Einzelfälle verschweigen sollte und nicht auch einen Zusammenhang zu Hintergründen benennen dürfte. Kontext ist keine Hetze, schon gar nicht strafbares Handeln, das mit dem Stempel „Hass und Hetze“ versehen werden könnte.

Wenn es ein Geschäftsmodell gibt, alles schlechtzureden, dann bedeutet das nicht, dass man dem nichts entgegensetzen kann. Es kann auch ein Geschäftsmodell sein, Ereignisse in einen Zusammenhang zu stellen. Das freilich setzt Kenntnisse und analytische Kompetenz voraus. Es gibt genug Leser, Zuschauer und Hörer, die genau das schätzen.

Sachverstand und Unabhängigkeit sind nötig gerade in Zeiten, in denen sich sogar demokratisch gewählte Staatsmänner an Autokraten und Gewaltherrscher anbiedern. Offenbar üben Macht und ihr Missbrauch eine dauerhafte Faszination aus – auch auf Beobachter, deren Job es eigentlich sein sollte, Machthaber kritisch zu begleiten. Einer „freien Presse“ ist das unwürdig. Nüchternheit ist das Gebot der Stunde – das kennzeichnet gute, unabhängige Berichterstattung.

Zur gebotenen Einordnung gehört es auch, Ruhe zu bewahren. Wer unsere freiheitliche demokratische Grundordnung kennt und versteht, weiß, dass der demokratische Rechtsstaat nicht so leicht abgewählt werden kann. Das gilt auch für den Fall, dass eine extremistische Partei den Ministerpräsidenten stellen sollte. Sie stößt allerdings an die Grenzen von Checks and Balances, wozu auch die öffentliche und veröffentlichte Meinung gehört. Schon um ein Bundesland umzukrempeln, braucht es sehr viel mehr als einen Wahlsieg. Sollten Extremisten außerhalb der Verfassung handeln, gibt es ausreichend Organe, die ihnen in den Arm fallen können.

Wer sich auf diese Grundlagen besinnt, ist gegenüber Rattenfängern immun. Mag die Lage noch so düster sein, man meistert sie nicht, indem man den Kopf in den Sand steckt. Hier hilft Luther: Auch wenn man wüsste, dass morgen die Welt untergeht, heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen. Das gilt erst recht, wenn man weiß, dass sie nicht untergeht.

Die gute Nachricht transportiert auch Gutes. Aber die Nachricht als solche ist schon etwas Gutes. Oder, wie es die erste Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung von 1949 beschwor: die Wahrheit der Tatsachen.

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