Gaming: Warum Hessens Entwickler Geld brauchen | ABC-Z

Sollte man als GmbH, als UG oder als GbR gründen? Wofür braucht man bei der GmbH das Stammkapital? Was muss in einem Gesellschaftsvertrag stehen? Es sind diese Fragen, auf die der auf Gaming und Gründungen spezialisierte Anwalt Igor Rudolph an diesem Novemberabend im Gameshub des Frankfurter Gründerzentrums „Kompass“ Antworten gibt. Gestellt haben sie einige der rund 40 Nachwuchsspieleentwickler, die rechtliche Tipps bekommen möchten.
Nicht nur in Frankfurt gibt es seit ein paar Monaten einen Gameshub, auch in Darmstadt im Hub 31 sollen sich kleine, unabhängige Entwickler, sogenannte „Indies“, vernetzen können und bei Veranstaltungen zu rechtlichen und finanziellen Fragen rund um das Thema Gründen beraten werden. An diesem Abend geht es um die Gründung an sich und die mit ihr einhergehenden Rechtsthemen. Besucher stellen Fragen zu Haftung, Mindestkapital und den Aufgaben eines Geschäftsführers im Gegensatz zum bloßen Gesellschafter.
Förderlogik hemmt die Entwicklung
Derlei Programme scheinen nötig, denn Hessens Spiele- und Gamingindustrie gibt derzeit ein zweigeteiltes Bild ab: Einerseits gibt es große Entwickler, internationale Teams und eine solide Nachwuchsbasis. Zugleich könnte das Gründungsgeschehen lebendiger sein, Studios und Verbände klagen außerdem über unsichere und zu wenig Förderung. Im Gameshub beschreibt Kompass-Geschäftsführerin Ellen Bommersheim die Branche als wachsenden Treiber der Kreativwirtschaft. Der Gameshub soll Knotenpunkt für die Entwicklung neuer Spiele und die Vernetzung mit größeren Unternehmen und der Industrie werden. Die Region biete eigentlich ideale Voraussetzungen: Große Unternehmen wie Crytek und Nintendo säßen hier, talentierter Nachwuchs aus den Hochschulen, insbesondere der TU Darmstadt, entwickle fleißig, und die Einsatzfelder von Computerspielen würden immer vielfältiger: von Forschung über Industrie bis Bildung.
Zeitgleich aber hemme die Förderlogik die Entwicklung: Die Serious-Games-Förderung Hessens etwa ist auf 300.000 Euro im Zeitraum von drei Jahren begrenzt. Das sei für Games-Projekte zu wenig, meint Bommersheim. Entwicklungszyklen dauerten Jahre und erforderten planbare, kombinierte Instrumente. Gemeinsam mit dem Games-Verband müssten nun Vorschläge für neue Fördermodelle erarbeitet werden. „Es braucht vielfältige Modelle wie zinslose und rückzahlbare Darlehen oder Erfolgsbeteiligungen“, sagt sie.
Im Gründerzentrum würden deshalb Räume, Netzwerke, Beratungen und Wissen bereitgestellt. Zentrale Formate sind die Talkreihen, in denen Teams auch ihren Entwicklungsstand und Hürden vorstellen sowie Themen wie die Finanzierung und der Markteintritt mit großen Marktteilnehmern und der Wirtschaftsförderung diskutiert werden. Auch wichtige Akteure wie Nintendo, Crytek und Plattformanbieter seien eingeladen, um Wege in den Markt und Vertragsmodelle zu erläutern und damit die Hürden für Entwickler zu senken.
Spiele liefern Mehrwert in Forschung und Bildung
Die Vielfalt des hessischen Ökosystems ließ sich in diesem Jahr besonders auf der größten Branchenmesse Gamescom erkennen. Ob Fußballverein, Hochschullabor oder kleines Entwicklerstudio: Computerspiele finden mittlerweile auf vielen Ebenen statt. Auf der Messe stellten etwa Studierende von elf Hochschulen unter dem Label „Raw Talent“ 50 Indie-Spiele vor, zwölf davon von der Hochschule Darmstadt. Die Professorin für Gamedesign an der TH Köln, Greta Hoffmann, monierte bei der Messe dennoch das gesellschaftliche Image: Spielen gelte nach wie vor als unseriös, dabei liefere die Branche längst Mehrwert in Forschung und Bildung.
Ein Beispiel dafür ist „ESA Shield“ aus dem Games Lab der Hochschule Darmstadt: ein Earth-Defense-Simulator, der Asteroidenabwehr, Sonnenwinde, Teleskope und Satelliten modelliert – im Kern das, was die Raumfahrtagentur real tut. Erkenntnisse aus dem Spiel könnten in die Forschung zurückfließen, sagt Stephan Jacob, Professor für Gamedesign an der Hochschule Darmstadt.

Wie weit das Thema in der Mitte von Wirtschaft und Gesellschaft angekommen ist, zeigt die E-Sports-Sparte von Eintracht Frankfurt. Der Verein hat diese in sechs Jahren professionalisiert und sich für die Challengers EMEA, quasi die Europameisterschaften im Taktik-Shooter-Spiel „Valorant“, qualifiziert. Neben „EA Sports FC“ und „League of Legends“ nutzt der Klub damit gezielt Titel, die vor allem jüngere Generationen interessieren. Laut Max Brömel, Leiter der Abteilung, ist E-Sport längst ein wirtschaftliches Standbein der Eintracht: Preisgelder und Sponsoren schafften Einnahmen, Streams auf Twitch produzierten Reichweite. „Das sind Leute, die wir über den klassischen Sport nicht erreichen können“, sagt er. 21 Beschäftigte zählt die Abteilung, darunter 14 Spieler.
„Mitarbeiter zu entlassen war superschwer“
Der Gamingmarkt wird seit Jahren immer größer. Der Umsatz mit Spielen, Hardware und Online-Gaming-Services ist im ersten Halbjahr dieses Jahres auf 4,6 Milliarden Euro gestiegen. Gerade kleinere und mittlere Studios beklagen aber, dass ihnen eine verlässliche, mehrjährige Unterstützung fehlt. Antragshürden und begrenzte Budgets bremsten junge Unternehmen aus, heißt es vom Games-Verband. Andere Bundesländer köderten junge Entwickler und versuchten, ihnen etwas zu bieten, sagt Claudia Stricker vom Games-Verband Hessen. „In Hessen dagegen muss man kämpfen.“
Der Verband fordert ein jährliches Landesbudget von drei Millionen Euro und eine eigenständige Förderinstitution, die Finanzierung, Messeauftritte und Netzwerke bündelt. „Bisher machen wir das als Verband ehrenamtlich zusammen mit der Hilfe der Kommunen“, sagt sie. Auch Clemens Mayer-Wegelin, leitender Jurist bei Nintendo Europa mit Hauptsitz in Frankfurt, drängt auf steuerliche Anreize, reine Projektförderungen reichten nicht aus. Nintendo beschäftigt in Frankfurt rund 1000 Mitarbeiter.

Auch für einen der größten Spieleentwickler in Frankfurt ist die Lage derzeit nicht leicht. Bei Crytek, bekannt durch Spiele wie „Far Cry“ und „Crysis“, arbeiten mehr als 300 Menschen aus 44 Nationen, sagt Geschäftsführer Avni Yerli. Im Herbst 2024 hat man zwar neue Räume unweit der Alten Oper in Frankfurt bezogen. Dennoch musste jüngst die Entwicklung von „Crysis 4“, dem dritten Nachfolger des Erfolgsspiels, nach zwei Jahren unterbrochen werden, 60 Mitarbeiter wurden entlassen.
Es sind die ersten betriebsbedingten Kündigungen in der mehr als 25 Jahre währenden Unternehmensgeschichte, wie Geschäftsführer Avni Yerli im Gespräch sagte. „Das war superschwer.“ Nicht alle aus dem Projekt ließen sich demnach in die Weiterentwicklung des seit 2018 laufenden Titels „Hunt: Showdown“ überführen. Der Relaunch dieses Spiels startete zudem „suboptimal“. Yerli spricht inzwischen zwar von einer gelungenen Erholung, doch der Fall zeigt, wie anspruchsvoll Livebetrieb und gleichzeitige Relaunches für ein Studio sein können.
Für kleinere Entwickler fehlen derweil Mittel und Personal, um nachhaltig wachsen zu können. Wie bei anderen Start-ups auch ist vor allem der Übergang von der frühen Förderung zur Skalierung und zum internationalen Vertrieb das Problem. Mittelgroße Studios – zu groß für Indie, zu klein für große Entwicklungen – brauchen auch Programme, die sie unterstützen, sagen Bommersheim vom Kompass und der Games-Verband unisono.
Die Forderungen aus der Branche sind klar: mehrjährige Budgets, steuerliche Förderung, eine zentrale Institution mit ausreichenden Ressourcen und der Ausbau der Gründerzentren als Netzwerk- und Skalierungsplattformen. Frankfurt hat die Zutaten für einen erfolgreichen Standort: starke Marken, internationale Teams, einen wachsenden Nachwuchs und eine offene Wissenschaft. Bloß: Es fehlt bislang das Geld.





















