Politische Inhalte? Völlig wurscht. Hauptsache, die Aufmerksamkeit stimmt | ABC-Z

Liebe Leserin, lieber Leser,
das muss ich zugeben: Ich liebe es, nach einem langen Tag aufs Sofa zu fallen und mich in spannenden Serien zu verlieren. Homeland zum Beispiel schaue ich schon zum zweiten Mal. Dabei kämpft eine CIA-Agentin gegen Terror und politische Intrigen – und gegen ihre eigene psychische Krankheit. Am vergangenen Montag aber verzichtete ich auf Netflix und schaute noch ein wenig zu, wie sich Friedrich Merz in der ARD-Sendung „Die Arena“ durchschlug. Das Live-Format, bei dem das Publikum an den Bundeskanzler Fragen stellen konnte.
Ingo Zamperoni, Anna Planken, Till Nassif: Was war das denn?
Danach blieb ich im linearen Fernsehen hängen – und traute meinen Augen nicht: Gestandene Nachrichten-Moderatoren wie Ingo Zamperoni, Anna Planken und Till Nassif heizten im Mitmach-TV dem Publikum ein: „Die 100 – was Deutschland bewegt“ heißt das Format. Ziel war, dass 100 Menschen aus der Bevölkerung zur Arbeit der Bundesregierung Stellung beziehen und Pro-/Contra-Argumente abwägen. Ich schwankte zwischen Faszination über die Hingabe der Moderatoren angesichts lauter Albernheiten (La-Ola-Welle, Fähnchen, ein Papp-Kanzler mit Deutschland-Perücke) und dem Impuls, diese Aneinanderreihung von Plattitüden abzuschalten, als Till Nassif die Farbkarte zog und den einzigen Schwarzen unter den 100 Bürgern auf der Bühne vorführte. Lesen Sie hier, was hinter meinem Fremdscham-Gefühl steckt.
Birgitta Stauber, Textchefin der Zentralredaktion
© Montage | FMG/Reto Klar/FFS
Ich nehme jetzt trotzdem meine Kolleginnen und Kollegen vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Schutz. Es ist eben immer schwerer geworden, sein Publikum zu erreichen angesichts der großen Zerstreuung und Unterhaltung, die Streaming-Dienste, Social Media und die schnellen Nachrichtenportale bieten.
Diese Erfahrung machen auch unsere Politiker. Mit einer Urlaubsgeschichte wie damals bei Helmut Kohl, der mit Frau und Söhnen immer zum österreichischen Wolfgangsee fuhr, ist es nicht mehr getan. Heutzutage holen sich Politiker Aufmerksamkeit in den sozialen Medien, essen wie Söder Burger und Wurst, sprechen über ihr Körpergefühl nach einer krassen Diät wie Ricarda Lang oder provozieren mit Attacken auf ihre politischen Gegner wie Heidi Reichinnek. Erst dann hört ihnen ihre Audience, also die Zielgruppe, die sie erreichen wollen, auch zu, wenn sie über politische Inhalte sprechen.
So lebt Annalena Baerbock in New York
So ist auch das Prinzip von Annalena Baerbock, die derzeit als Präsidentin der UN-Generalversammlung in New York lebt. Bevor es losging mit ihrem Job, postete die Ex-Außenministerin von den Grünen Reels, die an Kultserien wie „Sex and the City“ erinnern: Sie winkt in Manhattan mit Blazer und High Heels ein Taxi und zeigt ein wenig Bauch dabei, sie läuft durch den herbstlichen Central Park begleitet von einem Zitat aus der Serie „Gossip Girl“ („Der Herbst in New York…“). Kurz: Sie kombiniert Pop-Kultur mit dem New Yorker Alltag, schafft sich so ihre Audience für ihre inhaltlichen Reels aus dem Alltag der Vereinten Nationen.
Gut gelaunt auf dem Times Square: Annalena Baerbock in New York.
© Kay Nietfeld/dpa | Kay Nietfeld
Im Interview, das sie mit meinen Kollegen Jochen Gaugele und Christian Kerl führte, sagt sie dazu: Diese Reels seien „Türöffner, um Interesse für internationale Zusammenarbeit zu wecken“. Außerdem spricht sie über Donald Trump, ein Ende des Ukraine-Krieges – und ihr neues Leben in der Metropole, die niemals schläft. Das ganze Interview lesen Sie hier.
Kevin Kühnert kehrt in die Öffentlichkeit zurück
Ein anderes Gesicht der Ampel-Koalition, die vor gut einem Jahr platzte, ist Kevin Kühnert. Er galt als größter Hoffnungsträger der SPD, jung, talentiert, unerschrocken, wie er als Generalsekretär auftrat. Doch Kühnert brannte aus in dem Job, zog sich aus der Politik zurück. Inzwischen sucht auch er seine Audience, allerdings nicht auf Social Media, sondern als Kolumnist im Magazin „Rolling Stone“. Und als Gastgeber auf einer Berliner Kabarett-Bühne.
Kevin Kühnert erkärt bei „Markus Lanz“, was er von Söders Social-Media-Auftritten hält.
© picture alliance / teutopress | –
Söders Wurst-Reels sind ihm dabei übrigens herzlich willkommen. Und nun wird er auch noch Aktivist: Bei der Bürgerbewegung Finanzwende, wo er künftig sein Wissen und seine Fähigkeiten einsetzen soll. All das war ein Anlass für meinen Kollegen Jan Dörner, mal genauer auf Kevin Kühnert zu schauen und zu beschreiben, wie sich der ehemalige SPD-Star neu erfindet.
Australien zieht die Reißleine – und verbietet Heranwachsenden die sozialen Medien
Aber nicht nur Politiker und Medien wollen ihre Audience. Immer mehr Jugendliche versuchen, mit mehr oder weniger zweifelhaften Aktivitäten ihre Anhängerschaft auszubauen. Nach dem Motto: Dabei sein ist alles. Unstrittig ist, dass der unkontrollierte Konsum von TikTok, YouTube, Instagram und Co. zu sozialem Druck und damit Stress, Angst und niedrigem Selbstwert führen kann. Außerdem ist die Gefahr groß, dass Kinder Opfer von Cybermobbing werden. Aber kann man Kinder und Jugendliche überhaupt noch fernhalten von den sozialen Medien? Australien versucht es jetzt mit einem Verbot für alle unter 16 Jahren. Damit erübrigt sich die Debatte, ob Smartphones in der Schule erlaubt sind oder ob es richtig ist, wenn 14-jährige Mädchen ihre Schminktipps teilen. Unsere Korrespondentin Barbara Barkhausen hat aufgeschrieben, wie die Menschen in Australien auf das Verbot reagieren. Und warum deswegen nun eine Familie nach Großbritannien ausgewandert ist.
So beeinflussen mich italienische Koch-Influencer
Ich sehe die Gefahren durchaus. Und ich bin froh, dass meine Gen-Z-Kinder eine Balance im Umgang mit den sozialen Medien gefunden haben. Wobei wir uns alle gegenseitig ertappen, viel zu oft auf den Bildschirm zu schauen. Ich kann zum Beispiel den italienischen Koch-Influencern nicht widerstehen. Wie sie Zwiebeln fein raspeln, Knoblauch zerdrücken, Tomaten im heißen Öl zerfallen lassen, bis sich die Haut einfach abziehen lässt. Und dann die Pasta: Erst geknetet und ausgerollt, dann geschichtet, geschnitten oder gefüllt.
Was sollen wir Weihnachten essen? In der Familie gibt es viele Ideen.
© picture alliance / The Picture Pantry | Dolphia Nandi
Ganz ehrlich: In meine Kochbuch-Sammlung, die unser Küchenregal belegt, habe ich schon länger nicht mehr reingeschaut. Dafür sind die Rezepte mit Video und Zutatenliste zum Herunterladen zu praktisch.
Was die Weihnachtspfunde wieder purzeln lässt
Im Familienchat diskutieren wir derzeit, was wir Weihnachten kochen. Die Studententochter will Rotkohl und Klöße ohne Gans (vegetarische Phase), der Sohn hat asiatische Menüpläne für drei Tage im Visier, die Zwillingsschwester findet, das sei alles eine „gute Idee“, der Gatte will vor allem genießen, die Oma bringt Plätzchen mit. Ich wünsche mir ein Weihnachtsessen ohne Extra-Kilos. Da hat Ernährungsberater Dr. Riedl ein paar Tipps.
Mal sehen, wenn ich Zeit habe, backe ich zum dritten Advent ein weihnachtliches Hefebrot. Gefüllt mit Zimt und Butter, geschichtet in der Kastenform, heiß und fluffig aufgegangen serviert. Wenn es richtig gut wird, poste ich eine Story auf Instagram. Und dann freue ich mich über viele Herzchen. Eine zweistellige Audience reicht mir schon.
Ich wünsche ich Ihnen einen wunderschönen 3. Advent, erholgen Sie sich gut und bleiben Sie zuversichtlich.
Es grüßt Sie herzlich Ihre Birgitta Stauber

















