Schondorf: Wie eine Maschine mithilfe von KI Gedichte verfasst – Starnberg | ABC-Z

Sie funktioniert nicht. Ihr ist zu kalt. Oder ihm? Auch diese Frage ist eine Stunde vor der Ausstellungseröffnung nicht abschließend geklärt. Und vielleicht ist es auch gar keine Ausstellung, sondern eher ein interaktives Projekt. Seit vielen Jahren hängt der Künstler Andreas Kloker im Dezember unter dem Titel „24 Tage 24 Texte“ jeden Tag einen Text in den alten Schaukasten, der an der Außenwand seines „Skriptoriums“ in der Schondorfer Bahnhofstraße hängt. Der Schaukasten trägt die Aufschrift „Bekanntmachung für Heimatvertriebene“ – und das ist zugleich das Thema des vorweihnachtlichen Projekts. In diesem Jahr ist „The Artificial Literature Laboratory“ zu Gast in Schondorf: Die Texte sollen mithilfe von künstlicher Intelligenz erzeugt werden.
Eugénie Desmedt, Christine Haupt, Jonas Martschin, Marton Zalka und sein Sohn Paul Kloker haben sich während des Studiums in Wien kennengelernt. Sie kommen aus den Bereichen Kunst, Design und Informatik. „The Artificial Literature Laboratory“ ist ein künstlerisches Forschungsprojekt, in dem sie gemeinsam untersucht haben, wie sich Large Language Models (LLMs) als Instrumente für kreatives Schreiben einsetzen lassen.
Entstanden ist eine interaktive „Poesiemaschine“, mit der sie im September auf dem Festival „Ars Electronica“ in Linz Furore machten und die sie nun auf Einladung von Andreas Kloker nach Schondorf gebracht haben. In dem winzigen Ausstellungsraum, wo sie tagsüber ein paar Stunden ohne Heizung alleine gelassen worden war, verweigert sie dann aber hartnäckig den Dienst.
„Sie hat ein Problem mit der Temperatur“, sagt Eugénie Desmedt. „Er zeigt mir nicht das richtige Menü an“, sagt Paul Kloker, der schließlich mit Schraubenzieher und Rohrzange ins Innere des Geräts taucht und es wieder zum Leben erweckt. „Es geht wieder“, tippt Kloker daraufhin erfreut in das sanft grün leuchtende Bedienfeld, in das man als Benutzer einen eigenen Text eingeben muss. Und tatsächlich erscheinen im nächsten Fenster Vorschläge für weitere Textzeilen. Auch er, sie oder es scheint sich zu freuen, denn das fertige Gedichtlein endet mit einem Smiley und ein paar kryptischen Zeichen.
Die „Poesiemaschine“ sieht nicht zufällig aus wie ein früher Computer aus den Sechziger- oder Siebzigerjahren, ein bisschen Flugzeug-Cockpit, ein bisschen Synthesizer und auch ein bisschen wie Omas Wäschemangel im Keller. Sie hat keinen Touchscreen und keine glatte, schlanke Oberfläche, sondern klobige Schalter, Knöpfe und ein Navigationsrad. Zu den Parametern, die man damit als Benutzer selbst einstellen kann, gehört zum Beispiel auch die „Unvorhersehbarkeit“.


Das „retrofuturistische Erscheinungsbild“, so die Künstler, soll auf die Zeit verweisen, in der die Technologien entstanden, die heute die Basis dessen bilden, was man als „KI“ bezeichnet. Und: „Wir wollen den Blick zurück auf das richten, was eine KI im Kern ja ist: eine Maschine.“ Hinter ihrer charmant umständlichen Benutzeroberfläche verbirgt die Maschine allerdings einen leistungsstarken Computer, mit dem der Betrieb lokaler Large Language Models (LLMs) möglich ist.
LLMs sind eine Form künstlicher Intelligenz, die darauf trainiert wird, Texte anhand statistischer Muster vorherzusagen. Sie bilden auch die Grundlage von KI-Chatbots. Anders als diese ist die „Poesiemaschine“ jedoch kein allwissender smarter Assistent, vielmehr fordert sie ihre Benutzer heraus, in einem interaktiven Prozess selbst kreativ zu werden.

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Andreas Kloker jedenfalls, der seinen Sohn Paul auf dem Festival in Linz besuchte, fütterte die Maschine mit der Zeile „Bekanntmachung für Heimatvertriebene“. Und sie antwortete ihm: „Bekannte Botschaft flüstert Heimatlosen Windzeichen.“ Der Text, den sie am Ende für ihn auf einem kleinen Zettelchen ausspuckte, endet mit „Bühne bereitgestellt mit Hoffnungspfeilen ins Ungewisse / Stimmen flüstern über verlorenes Land – ein Echo bleibt.“
Da war für ihn klar, dass er in diesem Dezember mit ihr weiter philosophieren will. Und auch die Besucher des wundersamen Sprachlabors im Skriptorium dürfen während der Öffnungszeiten die Maschine mit eigenen Textimpulsen zum Dichten anregen. Vorher wird Andreas Kloker jedes Mal das kleine eiserne Öfchen anschüren, damit es der Maschine nicht zu kalt ist. Oder ihm. Oder ihnen.
An den 24 Tagen bis zum Heiligen Abend wird jeden Tag ein weiterer Text im Schaukasten zu sehen sein. Am Mittwoch, 3. Dezember, von 16 bis 19 Uhr, und am Sonntag, 21. Dezember, von 15 bis 18 Uhr, ist das Skriptorium für Besucher geöffnet. Weitere Termine sind auf Anfrage unter termine@paulkloker.de möglich.





















