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Vorschau auf die Auktionen bei Ketterer in München | ABC-Z

Die wichtigen künstlerischen Strömungen des 20. Jahrhunderts interessierten einen namentlich nicht genannten Berliner Sammler, als er über vier Jahrzehnte hinweg diskret und gut beraten eine beachtliche Kollektion zusammentrug. Nun wird sie aufgelöst; 125 Arbeiten kommen bei Ketterer Kunst in München zur Auktion. Darunter finden sich nicht wenige Toplose wie etwa Ernst Ludwig Kirchners Holzschnitt „Frauen am Potsdamer Platz“ von 1914: Es handelt sich um den einzigen bekannten Farbabzug der expressiven Straßenszene, die große Nähe zu dem gleichnamigen Gemälde in der Berliner Neuen Nationalgalerie zeigt. Als besondere Rarität ist das Blatt auf 500.000 bis 700.000 Euro taxiert.

Fulminante Aquarelle von Dix und Grosz

Dass dieser Sammler das Besondere suchte, beweisen weitere Arbeiten auf Papier – denen Connaisseurs der Lichtempfindlichkeit wegen den großen Auftritt an der Wand ersparen. Das gilt für in ihrer Drastik fulminante Aquarelle, die Otto Dix und George Grosz während der Weimarer Republik dem Rotlichtmilieu widmeten (Taxen ab 150.000 Euro), ebenso wie für Paul Klees unter dem Eindruck seiner berühmten Tunisreise aquarelliertes Blatt „Kairuan“ (150.000/ 250.000).

Von Wassily Kandinsky, Klees Doppelhaus-Nachbarn am Weimarer Bauhaus, stammt das 1926 in Dessau aus Punkten und Flächen komponierte Ölbild „Behauptend“, das einst Salomon Guggenheim direkt beim Künstler kaufte und jetzt auf eine Million bis 1,5 Millionen Euro geschätzt ist. Ebenfalls in Dessau malte Oskar Schlemmer eine „Jünglingsgruppe in Braun“ mit bühnenhaft ausgeleuchteten Profilen (280.000/ 350.000). Die informelle Malerei ist mit Hans Hartung, Emil Schumacher und Willi Baumeister vertreten. Für Ernst Wilhelm Nays Scheibenbild „Helle Chromatik“ von 1962 werden 400.000 bis 600.000 Euro erwartet.

Auf der Rückseite des Aktbilds von Pechstein: das Stillleben „Früchte“, gleichfalls von 1910Ketterer Kunst

Insgesamt versteigert Ketterer am 5. und 6. Dezember in München mehr als 300 Lose vor allem moderner und zeitgenössischer Kunst, die einige Werke des 19. Jahrhunderts ergänzen. Vor allem die Abendauktion hält weitere Einlieferungen bereit, die dazu beitragen dürften, mindestens das aus den Untertaxen addierte Gesamtvolumen beider Auktionstage von 32 Millionen Euro zu erreichen. Für Max Pechsteins farbgewaltiges Bild „Inder und Frauenakt“ wird ein Zuschlagspreis von zwei bis drei Millionen Euro angepeilt. In bester Brücke-Zeit malt Pechstein 1910 seine damalige Geliebte und spätere Ehefrau Lotte Kaprolat als Liegende mit gelbem Inkarnat. Neben ihr sitzt ein gleichfalls nackter, rothäutig gegebener Mann.

Der erste Eigentümer kannte nur eine Seite

Wohl aus Leinwandmangel füllte Pechstein noch im selben Jahr mit einem Früchtestillleben die Rückseite des Aktgemäldes, das er mit Leimfarbe überstrich. Erst bei deren Entfernung 1989 kam die spannendere Figurenszene zum Vorschein. Der erste Eigentümer der Leinwand, Alfred Eisenlohr, der als Mitinhaber des Piper-Verlags den avantgardistischen Almanach „Der Blaue Reiter“ herausgab, hat das Aktbild also nie gesehen, dabei hätte es ihm vielleicht sogar besser gefallen als das „Früchte“-Motiv.

Rarität: Ernst Ludwig Kirchners Farbholzschnitt „Frauen am Potsdamer Platz“, 1914, 56 mal 42,1 Zentimeter, Schätzpreis 500.000 bis 700.000 Euro
Rarität: Ernst Ludwig Kirchners Farbholzschnitt „Frauen am Potsdamer Platz“, 1914, 56 mal 42,1 Zentimeter, Schätzpreis 500.000 bis 700.000 EuroKetterer Kunst

Hoch hinaus, nämlich auf 600.000 bis 800.000 Euro, soll auch Kirchners Fehmarn-Landschaft „Leuchtturm hinter Bucht“. Vor zwei Jahren wurde für sie bei Christie’s in London vergeblich noch deutlich mehr angestrebt. Bei 700.000 bis 900.000 Euro ist Edvard Munchs Gemälde „Frühlingstag auf Jeloya“ angesetzt. Der Künstler malte es 1915 auf seiner Erholungsinsel im Oslofjord in pastellig frischen Farben (700.000/900.000).

Noch mehr Werke jenseits der Millionengrenze

„Buchi“ und „Tagli“, Löcher und Schnitte in seltener Kombination, brachte Lucio Fontana 1960 einer braunen Leinwand bei und hellte das „Concetto Spaziale“ mit weißen Farbtupfern auf (800.000/1,2 Millionen). Mehr Platz an der Wand nimmt Andy Warhols zehnteilige Marilyn-Serie ein. Ketterer bietet eines der seltenen vollständigen Sets der Siebdrucke in poppigen Farben an (1,5/2,5 Millionen). Von einer älteren Berühmtheit ließ sich Martha Jungwirth inspirieren, von Francisco de Goyas „Maja“ nämlich, die sie souverän gestisch, dabei gut erkennbar auf Papier abstrahierte (200.000/300.000). Dazu gesellt sich eine weitere Liegende: Thomas Schüttes monumentale, bäuchlings auf einem Tisch ruhende „Bronzefrau Nr. 12“ aus der großen Frauenserie soll zwischen einer Million und 1,5 Millionen Euro einspielen.

Taxe 150.000 bis 250.000 Euro: Paul Klee, „Kairuan (Kairuan mit den Kamelen und dem Esel)“, 1916,  Aquarell über Bleistift, 14,8 mal 24 Zentimeter
Taxe 150.000 bis 250.000 Euro: Paul Klee, „Kairuan (Kairuan mit den Kamelen und dem Esel)“, 1916,  Aquarell über Bleistift, 14,8 mal 24 ZentimeterKetterer Kunst

Die 600. Auktion des Hauses wird für Eva Donnerhack ihre erste bei Ketterer sein. Die Kunsthistorikerin, die zuvor bei Sotheby’s in Köln die Abteilungen für moderne und zeitgenössische Kunst leitete, hat der Münchner Konkurrent im Zuge einer auf das sammelaffine Rheinland zielenden Wachstumsstrategie engagiert und soll die Repräsentanz am Rhein verstärken. Derweil wechselte Mario von Lüttichau im Sommer nach fünf Jahren bei Ketterer als Experte zu Grisebach nach Berlin.

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