Hessische Hochschulen schließen Institute | FAZ | ABC-Z

Moritz Bigalke kommt gerade von einer Beerdigung. Zusammen mit Studenten und Kollegen hat der Professor in einer Protestkundgebung vor der TU Darmstadt sein Institut symbolisch zu Grabe getragen. 200 bis 300 Teilnehmer seien zu der Aktion gekommen, schätzt Bigalke. Ein paar mehr hätten es gerne sein dürfen, findet er, aber immerhin: „Wir haben gezeigt, dass wir noch nicht ganz tot sind.“
Mit „wir“ meint der Prodekan des Fachbereichs Material- und Geowissenschaften nicht nur das eigene Institut, das höchstwahrscheinlich den vom neuen hessischen Hochschulpakt erzwungenen Kürzungen zum Opfer fallen wird. Außer den Angewandten Geowissenschaften dürfte es an der TU auch das Institut für Sportwissenschaft treffen. Ebenfalls aufgegeben werden könnte der Studiengang „Lehramt an Berufsschulen“. Kritik an diesen Überlegungen haben unter anderen der Landessportbund und die SPD-Fraktion im Landtag geäußert. Weil nächstes Jahr im Landeshaushalt für die staatlichen Hochschulen insgesamt rund 30 Millionen Euro weniger zur Verfügung stehen, aber gleichzeitig Personal- und Sachkosten weiter steigen, wird derzeit allenthalben geprüft, welche Institute, Lehrstühle und Studiengänge verzichtbar sind.
Englischsprachiger Studiengang bleibt bestehen
Die TU bietet Angewandte Geowissenschaften als Bachelor- und Masterstudium auf Deutsch an, außerdem gibt es ein englischsprachiges Masterprogramm mit dem Schwerpunkt Wasser- und Umweltforschung. Geht es nach dem Willen des Unipräsidiums, bleibt nur der internationale Masterstudiengang erhalten – unter dem Dach des Fachbereichs Bau- und Umweltingenieurwissenschaften. Ihm würden laut Bigalke viereinhalb der bisher acht Professorenstellen zugeschlagen, die zu den Angewandten Geowissenschaften gehörten. Lehrstühle, deren Inhaber in den Ruhestand gingen, würden nicht wiederbesetzt, Berufungsverfahren nicht weiterverfolgt.
Begründet habe das Präsidium die geplante Aufgabe von Institut und Studiengängen unter anderem mit der geringen Studentenzahl und den anstehenden Pensionierungen, sagt der Prodekan. Noch vor fünf Jahren sei der deutschsprachige Studiengang sogar überbucht gewesen; in diesem Jahr liege die Auslastung bei 76 Prozent. Mangelnde Nachfrage sei generell ein Problem der Geowissenschaften, meint der Mineraloge Bigalke: „Es ist halt kein Fach, das man aus der Schule kennt.“ Überdies werde es noch zu oft mit Bergbau und Erdölförderung assoziiert, obwohl man sich gerade in Darmstadt längst auch mit erneuerbaren Energien wie der Geothermie befasse.
Gerade deshalb hätten ihn die Schließungspläne überrascht, so der Professor. Unternehmen wüssten die Praxis- und Zukunftsorientiertheit der Darmstädter Geowissenschaftler zu schätzen; die Absolventen hätten gute Berufschancen. Immer wieder seien deswegen Studenten von den eher grundlagenorientierten Geowissenschaften der Universitäten Frankfurt und Mainz an die TU gewechselt. Werde das deutschsprachige Angebot dort eingestellt, lasse sich an den Hochschulen des Rhein-Main-Gebiets nichts Vergleichbares finden.
Stadtverordnete beklagt „Selbstdemontage“
Die Technische Universität gehört zu jenen Hochschulen der Region, an denen schon recht viel Konkretes über die Sparpläne bekannt geworden ist. Gleiches gilt für die Frankfurt University of Applied Sciences. Wie in Darmstadt haben auch dort die avisierten Kürzungen teils heftige Kritik hervorgerufen. Die ehemalige Frankfurter Fachhochschule werde von ihrem Präsidenten Kai-Oliver Schocke und dem Hessischen Landtag „kaputtgespart“, schimpft die Ökolinx-Stadtverordnete Jutta Ditfurth.
In einer Pressemitteilung behauptet sie, die Einschnitte dort seien noch weit härter als an anderen hessischen Hochschulen. Sie verweist darauf, dass die Zahl der Studenten nach den Planungen des Präsidiums von derzeit 15.200 bis zum Jahr 2031 auf 10.500 sinken solle und jene der Professoren von 295 auf 220. Eine nachvollziehbare Begründung für diesen drastischen Abbau habe Schocke in einer Personalversammlung den Mitarbeitern nicht genannt. Im hessischen Vergleich stehe die Frankfurter Hochschule „mit ihrer Selbstdemontage alleine da“.
Besonders betroffen von dem Sparkurs seien Informatik und Soziale Arbeit, meint die Kommunalpolitikerin. Dabei würden gerade Sozialarbeiter besonders dringend benötigt, etwa um Stellen im neuen Frankfurter Suchthilfezentrum zu besetzen. Statt genug Studienplätze und Professuren vorzuhalten, investiere das Land lieber 71 Millionen Euro in den Informatik-Neubau der Frankfurt University, für den kürzlich der Grundstein gelegt wurde.
„Werden in den nächsten sechs Jahren niemanden einstellen“
Weitgehend zutreffend sind die Zahlen zu Studenten und Lehrpersonal, die Ditfurth nennt. Wie sie zustande gekommen sind, erklärt Präsident Schocke im Gespräch mit der F.A.Z. Ursprünglich habe die Hochschule einen kräftigen Aufwuchs der Professorenschaft geplant, nämlich von 240 auf 320 Stellen: So stehe es in der Zielvereinbarung des alten Hochschulpakts. Mit den Sparvorgaben des neuen Vertrags sei diese Zahl aber Makulatur. Derzeit zähle die Frankfurt University noch 285 Professuren, und alle Neuberufungen seien erst einmal gestoppt. „Wir werden in den nächsten sechs Jahren niemanden einstellen.“
In dieser Zeit werden laut Schocke 65 Professoren in den Ruhestand gehen, weshalb am Ende der Paktlaufzeit noch 220 Kollegen verblieben. Mithilfe des curricularen Normwerts, der in Semesterwochenstunden festlege, wie hoch der Lehraufwand je Student in einem bestimmten Fach sei, lasse sich errechnen, wie viele Studenten die Hochschule künftig noch ordnungsgemäß ausbilden könne. So komme man auf eine Zahl von ungefähr 10.500 bis 11.000.
Auch künftig noch 40 Professoren für Soziale Arbeit
Schocke bestätigt, dass die Fachbereiche seiner Hochschule vom Personalabbau unterschiedlich stark betroffen seien. Sie würden in den nächsten Jahren jeweils zwischen 15 und 35 Prozent ihrer Professoren verlieren. Die Lehr-Einheit Soziale Arbeit werde sich voraussichtlich um 27 Prozent verkleinern. Der Präsident hebt allerdings hervor, dass dort zurzeit nicht weniger als 67 Professoren tätig seien: Die Abteilung sei die größte ihrer Art an einer deutschen Hochschule. Selbst mit rund 40 Professoren wäre nach Schockes Ansicht noch sichergestellt, dass die gesamte Bandbreite des Fachs abgebildet werden könne.
Auch wenn die Kürzungen wehtun werden, kann aus Sicht des Präsidenten von einer „Selbstdemontage“ seiner Hochschule keine Rede sein. Sie sei als einzige in Hessen zuletzt „nicht geschrumpft“, sagt er: Andernorts seien die Studentenzahlen gesunken, in Frankfurt aber seien zumindest die MINT-Fächer „voll ausgelastet“. Ditfurths Vorwurf, er habe die Mitarbeiter unzureichend über die Kürzungen unterrichtet und praktiziere damit einen „autoritären Führungsstil“, weist Schocke ebenfalls zurück. Die Hochschulangehörigen würden regelmäßig über die Entwicklungen auf dem Laufenden gehalten. Was das betrifft, so nimmt sogar die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft den Präsidenten in Schutz. GEW-Hochschulreferent Tobias Cepok teilt auf Anfrage mit: „Die Hochschulleitung hat mehrfach hochschulöffentlich über die Haushaltslage informiert.“
„Erkleckliche Zahl“ an Studiengängen wird eingestellt
Mitte Februar wird sich laut Schocke der Hochschulsenat mit den Sparbemühungen befassen. Dann werde auch entschieden, welche Studiengänge geschlossen werden müssen. „Das wird sicher eine erkleckliche Zahl sein.“ Keiner der betroffenen Studenten müsse aber befürchten, in Kürze vor die Hörsaaltür gesetzt zu werden. Nach dem Aufnahmestopp sei garantiert, dass die schon Immatrikulierten in der Regelstudienzeit plus 50 Prozent ihre Prüfungen ablegen könnten – bei einem sechssemestrigen Studiengang wären dies neun Semester. Auch müsse die Hochschule in allen Fächern ein ausreichendes Lehrangebot sicherstellen. Zu spüren bekommen Studierende den Sparkurs aber schon jetzt: So wurden laut Schocke die Bibliotheks-Öffnungszeiten „leicht reduziert“, weil am Sicherheitspersonal gespart werden müsse.
Jutta Ditfurth hat unterdessen eine Idee, wie sich die Folgen des neuen Hochschulpakts abmildern ließen. Das Land solle doch einfach Geld für Bauvorhaben – wie jenes der Frankfurter Informatik – zugunsten von Forschung und Lehre umwidmen. Dieser Idee kann zwar auch GEW-Referent Cepok zumindest theoretisch etwas abgewinnen. Er gibt aber zu, dass dies „wahrscheinlich mit rechtlichen Hürden verbunden“ sei. Präsident Schocke drückt es noch deutlicher aus: Das sei juristisch schlicht und einfach unmöglich.





















