Dem Popmusiker Billy Idol zum 70. Geburtstag | ABC-Z

Mama told me not to come: An Randy Newmans galligen Song über einen unbedarften Jungen, der auf die falsche Party geht, wird Billy Idol das eine oder andere Mal vielleicht gedacht haben. Er war zwar keineswegs ein Muttersöhnchen, sondern hatte sich in der Punk-Combo Generation X in den Spätsiebzigern Reputation ersungen; aber bei seiner Übersiedlung nach New York merkte er, der sich bis dahin eine nach eigener Aussage „solide Alkoholiker-Existenz“ aufgebaut hatte, dass eine ohnehin nur noch resthaft vorhandene britische Bodenständigkeit den Anfechtungen des American way of life nicht viel entgegenzusetzen hat. Dort wartete nämlich ein gewisser Bill Aucoin auf ihn, von dem unter anderen Kiss gelernt hatten, dass es sich auf die Dauer auszahlt, in jeder Hinsicht dick aufzutragen.
So wurde aus dem gelernten Punker eine schillernde, wasserstoffblonde, in Leder gekleidete, kettenbehangene Synthesefigur aus Eddie Cochran, Jim Morrison und David Bowie, deren gespielte Martialität wahrscheinlich gar nicht nötig gewesen wäre, um der sich seinerzeit noch dauernd im Umbruch befindlichen Popwelt vor allem eines zu zeigen: „Wenn jemand den Metal-Köpfen beweisen müsste, dass Waver keine Schlaffis sind, dann ist er der richtige Mann“, hieß es im Magazin „Billboard“.
Die ideale Galionsfigur fürs beginnende MTV-Zeitalter
Einen wie ihn, der so selbstverständlich Hardrock mit New Wave und Disco vermengte, mit Fünfzigerjahre-Aufsässigkeit die Lippen kräuselte und seinen Bariton überall durchdringen ließ, hatte man tatsächlich noch nicht gesehen und nicht gehört. Billy Idol war die ideale Galionsfigur fürs gerade beginnende MTV-Zeitalter und konnte sich auf das ausgesprochen mächtige, technisch anspruchsvolle Gitarrenspiel von Steve Stevens und die gediegene Produktion von Keith Forsey jederzeit verlassen.
Seine ersten beiden, beim Chrysalis-Label herausgekommenen Soloplatten, die eine ernsthafte Konkurrenz für die damals gleichfalls richtig loslegenden Madonna, Prince und Michael Jackson darstellten, verströmten die rohe Energie des Rock und den urbanen Glanz der Disco-Tanzflächen. Sie waren gespickt mit Kassenschlagern, die sich teilweise zwei Jahre in den Hitparaden hielten: das lässige „White Wedding“, das weit ausholende, pumpende „Flesh for Fantasy“, das treibende „Rebel Yell“, das dosiert krachende „Eyes Without a Face“ und „Hot in the City“, einer der besten Einpeitschersongs aller Zeiten.
Dass er den Respekt auch der versiertesten Kollegen genoss, wurde nicht nur bei vielen Gemeinschaftsauftritten sichtbar, sondern auch daran, dass er für das ambitionierte „Whiplash Smile“ (1986) den Jazz-Bassisten Marcus Miller gewinnen konnte. Es enthielt einen seiner größten Hits, „Sweet Sixteen“, auf dem Idol sich von einer dermaßen zärtlichen Seite zeigte, dass man ihm im Radio eine Zeit lang gar nicht entkommen konnte, und dessen Chuck-Berry-Anspielung vermutlich Absicht war. Das Album selbst wirkte schon weniger wie aus einem Guss und markiert den Eintritt in eine Krisenphase mit anhaltender Heroin- und Kokain-Sucht sowie einem Motorradunfall, die überstanden zu haben ihn geradezu als einen der Pop- und Rock-Untoten ausweist.
Als solcher hat er sich gut gehalten. Nicht nur auf „Charmed Life“ (1990) bewies er wenigstens stellenweise mit nun doch rauer, mürber gewordenem Organ altes Format, sondern auch auf neueren, teilweise prominent besetzten Einspielungen. Erst im Frühjahr kam, nach zehnjähriger Pause, das Album „Dream Into It“ heraus. Seine Posen wirkten natürlich irgendwann überholt; aber wer erfindet schon ständig etwas Neues oder sich selbst neu? Es reicht, wenn man es einmal tut.
Und das tat Billy Idol, der als William Michael Albert Broad im Londoner Stadtteil Stanmore geboren wurde und aus der ihm in der Schule attestierten Faulheit praktischerweise seinen Künstlernamen formte: von englisch idle, wobei es idol auch in anderer Hinsicht trifft. Die Reihen der klassischen Punker haben sich gelichtet. Billy Idol aber lebt und feiert an diesem Sonntag seinen siebzigsten Geburtstag.




















