Kultur

St. Vinzenz-Krankenhaus: Wie die Babyklappe in Hanau Müttern in Not hilft | ABC-Z

„Babyklappen retten Leben“ – diesem Leitgedanken folgt das St.-Vinzenz-Krankenhaus in Hanau seit mehr als zwei Jahrzehnten. Mehr als 30 Neugeborene wurden bei der dortigen Babyklappe schon abgegeben. Sie bietet einen geschützten Ort für Säuglinge, die in größter Not geboren wurden, und ist Anlaufstelle für Mütter, die keinen anderen Ausweg sehen, als ihr Kind anonym wegzugeben.

Schwester Annette Biecker von den Barmherzigen Schwestern begleitet dieses Projekt von Beginn an. Seit 50 Jahren arbeitet sie im St.-Vinzenz-Krankenhaus – und hat in dieser Zeit viele Schicksale miterlebt. „In erster Linie geht es darum, sich gut um die Kinder zu kümmern, die uns anvertraut werden – aber auch den Müttern zu helfen, die sich in einer verzweifelten Situation befinden“, erklärt sie. Hinter der Entscheidung, ein Neugeborenes in die Babyklappe zu legen, stecke oft unvorstellbare Not: „Man kann sich kaum vorstellen, was diese Frauen durchmachen.“

Genaueres über die Hintergründe der Frauen, die ihr Kind in die Babyklappe legen, sei aufgrund der zugesicherten Anonymität nicht bekannt, erklärt Annette Biecker. Doch oft werde deutlich, welche Verzweiflung hinter der Entscheidung steckt, das Kind abzugeben. Die meisten Mütter, die das Angebot nutzen, so zumindest die Vermutung, gebären ihr Kind ohne Hilfe, in einer nicht sterilen Umgebung. Das, so Biecker, könne lebensgefährlich für Kind und Mutter sein.

Neugeborenes im Einkaufskörbchen

„Dann ist zum Beispiel die Nabelschnur nur mit einer Haarklammer abgenabelt worden“, erinnert sich die Ordensschwester an einen Fall. Die meisten Babys werden in einer Nacht-und-Nebel-Aktion in purer Eile in die Klappe gelegt. „Manche Neugeborenen liegen in einem Einkaufskörbchen, nur in ein Tuch gewickelt, Fruchtwasser und Blut noch gar nicht richtig abgewaschen“, erzählt die Schwester.

Empfängt mit offenen Armen: Schwester Annette BieckerWonge Bergmann

Bei einigen Abgaben lässt sich nach Einschätzung von Biecker erkennen, dass ein bewusster Prozess hinter der Entscheidung der Mütter steckt. Eine Frau habe über Wochen hinweg immer wieder eine rote Rose in die Klappe gelegt. Nach vier Wochen lag dann ihr Baby darin. „Sie hat ihr Kind quasi bei uns angekündigt“, erzählt die Schwester rückblickend, „das war ihr Weg, diese Entscheidung zu treffen.“

Manche Kinder werden mit einem Kuscheltier oder einem persönlichen Gegenstand zurückgelassen. Teilweise sind sie sogar sorgfältig gekleidet. Dies zeige, dass sich die werdende Mutter durchaus auf ihr Kind vorbereitet habe, sagt Biecker. „Eine Mutter hat einmal einen Brief beigelegt, in dem sie ihrem Kind erklärte, dass sie es über alles liebt, aber einfach nicht in der Lage ist, sich um es zu kümmern“, erinnert sich die Ordensschwester. Eine Mutter, so Biecker weiter, habe ihrem Kind sogar einen Namen mit auf den Weg gegeben und ihn in einem Brief, der neben dem Baby gefunden wurde, erwähnt. Die späteren Adoptiveltern respektierten diesen Wunsch.

Keines der Babys war älter als 24 Stunden

Die Säuglinge, so Biecker, werden unmittelbar nach der Geburt in die Babyklappe gelegt. Keines der Kinder, das auf diesem Wege abgegeben wurde, sei älter als 24 Stunden gewesen. Entscheidet sich eine werdende Mutter dafür, die Babyklappe zu nutzen, folgt sie der Beschilderung am Rand des Krankenhauses. Der Weg dorthin ist unbewacht, lediglich die Treppen sind ausgeleuchtet. Vor der Klappe liegen Infobroschüren in verschiedenen Sprachen. Ein Zettel weist die Mütter darauf hin, dass das Kind in der Babyklappe gut umsorgt wird, das Hineinlegen jedoch eine endgültige Entscheidung ist und das Kind dann zunächst in der Obhut des Krankenhauses bleibt. Zudem ist eine Notfallnummer für seelische Unterstützung angegeben.

Das kleine Bettchen wird konstant beheizt. Manchmal vergehen Jahre, ohne dass ein Kind hineingelegt wird.
Das kleine Bettchen wird konstant beheizt. Manchmal vergehen Jahre, ohne dass ein Kind hineingelegt wird.Wonge Bergmann

An der Wand befindet sich ein Knopf, mit dem die Babyklappe mechanisch geöffnet werden kann. Dahinter steht ein Kinderbettchen, das stets auf 37 Grad erwärmt ist. Auf dem Bett liegt ein Brief an die Mutter, daneben befinden sich weitere Infobroschüren mit möglichen Anlaufstellen. Legt die Mutter ihr Kind in das Bettchen, wird ein stiller Alarm ausgelöst, der nur in der Ambulanz angezeigt wird. Gleichzeitig schließt sich die Klappe automatisch.

Sobald der Alarm ausgelöst wird, eilen die Schwestern herbei, nehmen das Kind in Obhut und bringen es sofort zur Untersuchung in den Kreißsaal. „Einige Kinder sind unterkühlt, oder die Sauerstoffzufuhr ist zu gering. Daher ist es besonders wichtig, dass wir schnell reagieren“, erklärt Biecker. Sollte ein Baby krank sein, wird es direkt auf die Kinderstation des Klinikums Hanau verlegt. Ist das Kind jedoch gesund und munter, so nehmen die Schwestern es mit auf die Wochenbettstation und kümmern sich zunächst darum.

„Ein Neugeborenes braucht viel Nähe und Fürsorge – diese Aufgabe übernehmen wir mit Freude“, sagt Biecker. Das St.-Vinzenz-Krankenhaus betreibt die Babyklappe in Hanau in Kooperation mit dem Sozialdienst katholischer Frauen Fulda. Dieser übernimmt auch die weitere Vermittlung der Kinder an die Adoptiveltern. Die auf der Liste stehenden Paare haben zuvor ein aufwendiges Verfahren durchlaufen, in dem die Eignung als mögliche Adoptivfamilie überprüft wird.

Viele Paare warten lange auf ein Adoptivkind

Viele warten schon lange auf einen Anruf – und sind trotzdem überrascht, wenn er kommt. „Sie sind dann meistens natürlich ziemlich überrumpelt, weil sie darauf gar nicht vorbereitet waren“, berichtet Biecker, die die neuen Eltern oft wenige Stunden nachdem sie die Nachricht erhalten haben, in Empfang nimmt.

Manche Paare scheinen die Hoffnung auf ein Adoptivkind, ein so junges noch dazu, schon aufgegeben zu haben. Oft komme es vor, dass die komplette Babyausstattung binnen weniger Stunden besorgt werden müsse, so die Ordensschwester. Damit der plötzliche Start in den neuen Lebensabschnitt gelingt, unterstützt die Wochenbettstation des Krankenhauses die Eltern und hilft beispielsweise mit Kleidung aus.

Der Sozialdienst katholischer Frauen begleitet laut Biecker die Adoptivfamilie später auch bei dem Prozess, dem Kind zu erklären, dass es in einer Babyklappe abgelegt wurde. Das ist etwas, das viele Kinder ihr Leben lang beschäftigt. Die Fragen, die sie stellen, können sich im Laufe der Jahre verändern. Auch deshalb ist es Biecker wichtig, den Kontakt zu den Familien zu halten und für die Kinder jederzeit ansprechbar zu sein.

Einmal im Jahr treffen sich die Babyklappenkinder

Wer war da für mich in den ersten Stunden meines Lebens? Eine Frage, die viele umtreibt. Annette Biecker hat viele der Kinder, deren Start ins Leben so holprig war, später noch einmal neu kennengelernt. Einige kommen regelmäßig zu Besuch. Andere möchten sehen, wie die Babyklappe aussieht, durch die sie zu ihrer neuen Familie kommen konnten. Außerdem gibt es jährlich ein Treffen für alle Babyklappenkinder und ihre Familien – ein Austausch, bei dem sie sich wie eine große Familie fühlen können.

Seit dem Beginn des Projekts sei es bisher erst einmal vorgekommen, dass sich eine Frau nach drei Wochen wieder im Krankenhaus gemeldet habe und ihr Kind, das sie angab, in die Babyklappe gelegt zu haben, wieder zu sich nehmen wollte, erinnert sich Biecker. Die junge Frau habe angegeben, während der Schwangerschaft und bei der Geburt keinerlei Unterstützung gehabt zu haben. Sie sei in einer Ausnahmesituation gewesen.

In den Tagen nach der Entscheidung, das Kind in die Babyklappe zu legen, sei es ihr aber gelungen, ihre Lebenssituation wieder zu ordnen. „Da muss dann natürlich ein Gentest gemacht werden, sonst kann das ja jeder behaupten“, sagt Biecker. Die Mutterschaft konnte nachgewiesen werden. Trotzdem habe es noch ein bisschen gedauert, bis die Mutter das Kind habe wieder vollends zu sich nehmen können. Das Jugendamt habe den Prozess begleitet. „Schließlich gab es ja mal einen Grund, wieso sie sich für den Schritt der Klappe entschieden hatte.“

Ein Angebot für absolute Notsituationen

Die Babyklappe soll ein Angebot für absolute Notsituationen bleiben. Zahlreiche Beratungsstellen und Jugendämter bieten Unterstützung für werdende Mütter mit dem Ziel, schon vorher Lösungsmöglichkeiten zu erarbeiten. Daher werde in Beratungen nicht auf die Möglichkeit der Babyklappen hingewiesen, erklärt Biecker. „Das sollte wirklich der allerletzte Ausweg bleiben und am Ende nur genutzt werden, um das Leben des Kindes zu retten.“

Eine der alternativen Möglichkeiten für Frauen, die sich nicht vorstellen können, ihr Kind großzuziehen, ist die anonyme Geburt. Dabei kann die Schwangere das Baby völlig anonym unter ärztlicher Aufsicht gebären, ihre Identität bleibt dabei vollständig geschützt. Damit gibt es aber auch keine Chance, zu einem späteren Zeitpunkt mit dem Kind in Kontakt zu treten. Eine weitere Option ist die vertrauliche Geburt. Hierbei ist die Identität der Mutter zwar bekannt, ihre Daten bleiben jedoch geschützt. Eine spätere Kontaktaufnahme bleibt so möglich. Beide Wege sollen sowohl die Gesundheit der Mütter, aber auch der Kinder besser schützen.

Im September musste die Mainzer Babyklappe am Bruder-Konrad-Stift nach fast zwanzig Jahren schließen. Als Grund wird „Personalmangel“ angegeben. „Das ist ein trauriger Schritt, der zukünftig auch Leben kosten könnte“, meint Schwester Biecker. Aktuell gibt es deutschlandweit rund 100 Babyklappen, die genaue Zahl ist jedoch nicht bekannt. Es sei ein Mythos, dass eine solche Einrichtung an jedem Krankenhaus verfügbar sei, gibt die Ordensschwester zu bedenken. Sie setzt sich dafür ein, dass die Wege für verzweifelte Frauen, die sich in einer absoluten Notlage befinden, auch künftig kurz bleiben. Denn wer nach einer womöglich heimlichen Geburt erst von Mainz nach Hanau fahren müsse, so ihre Sorge, mache sich womöglich gar nicht erst auf den Weg.

„Das letzte Mal, dass ein Kind bei uns in die Klappe gelegt wurde, war 2023. Aber es kam auch schon vor, dass innerhalb von nur vier Wochen drei Neugeborene abgegeben wurden“, erzählt Biecker. Weil eben niemand so genau weiß, wann wieder der stille Alarm ausgelöst wird, achten alle darauf, dass jederzeit alles bereit für die Ankunft eines Neugeborenen, dass die Temperatur in dem kleinen Bettchen stimmt, dass alles sauber und ordentlich ist. Und gleichzeitig hoffen alle, dass der Alarm noch lange schweigt.

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