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Freising: Wie die Stadt in einer klimaneutralen Zukunft aussehen muss – Freising | ABC-Z

Es braucht Trinkbrunnen, Bonussysteme, runde Tische, grüne Fassaden und ein Fach „Nachhaltigkeit“ an den Schulen: Am Ende ist es vielleicht so etwas wie ein Mosaik. Zahlreiche einzelne Maßnahmen, zusammengesetzt von Politik, Wissenschaft, Medizin und – essenziell – der Zivilgesellschaft, könnten das Leben in den Städten trotz des Klimawandels vielleicht noch retten. Wenn jeder mitmacht, gibt es Hoffnung für die dicht bebauten urbanen Räume, die zu lebensfeindlichen Zonen zu werden drohen: mit durchgängig 40 Grad im Sommer, Extremwetter und Hochwasserkatastrophen.

Diese Erkenntnis resultiert aus einem in Freising laufenden Versuch, die Forschung der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf (HSWT) mit bürgerschaftlichem Engagement zusammenzubringen, wie es Moderatorin Kathrin Steger-Bordon von der Domberg-Akademie bei der Podiumsdiskussion „Grüne Stadt – kühle Stadt: Freising atmet auf“ im Asamsaal formuliert. Vorausgegangen sind in diesem Jahr mehrere Klimaspaziergänge, bei denen Studierende aus Weihenstephan die grüne und die blaue Infrastruktur der Stadt ins Visier genommen hatten – unterstützt von Agenda 21-Gruppen, Bund Naturschutz und Domberg-Akademie.

So einiges haben die künftigen Stadtplanerinnen und Stadtplaner da erarbeitet – und dürften sie eine Maßnahme sofort umsetzen, dann würden sie „flächendeckend entsiegeln – auch in der Innenstadt“, wie es einer der Studierenden formuliert. Damit trifft er natürlich ein Reizthema der Stadt: Zwar sind die Freisinger stolz auf ihre frisch umgebaute Altstadt, doch die Kritik am hohen Versiegelungsgrad und dem fehlenden Grün reißt nicht so recht ab.

Ohne Teilhabe keine Akzeptanz

Zudem zeigt sich hier das Dilemma für die Stadtplanung der Zukunft, denn die Abrissbirne wird das Problem nicht lösen. Also muss es anders gehen, kleinteiliger – und vor allem müssen es Projekte sein, an denen alle teilhaben können, das ist auch eine Erkenntnis der Studierenden. Ohne Teilhabe gibt es keine Akzeptanz, da ist man sich an diesem Abend einig. Die Beteiligungsformate in Freising seien ganz gut, sagt Carmen Steinmeier (Agenda 21) auf dem Podium dazu: „Aber das lässt sich noch ausbauen.“

Oberbürgermeister Tobias Eschenbacher, Carmen Steinmeier (Agenda 21), Professorin Claudia Traidl-Hoffmann (Umweltmedizin, Uni Augsburg), Professorin Simone Linke ( Stadt-und Landschaftsplanung, HSWT) und Moderatorin Kathrin Steger-Bordon (von links) haben sich auf dem Podium ausgetauscht. (Foto: Marco Einfeldt)

Was aber muss passieren, wenn die Stadt bis 2035 wie geplant tatsächlich klimaneutral werden soll? Professorin Simone Linke von der HSWT, Betreuerin der Studierenden, nennt Antworten – Mosaiksteinchen, wenn man so will: Bäume pflanzen, Fassaden und Dächer begrünen, bei Bauvorhaben ein Klimagutachten einfordern, die Mobilitätswende voranbringen, im Bestand bauen statt auf der grünen Wiese und natürlich das „3-30-300-Ziel“ erreichen, „auch wenn das sehr ambitioniert erscheint“.  Gemeint ist damit eine Richtlinie, nach der jeder Mensch von seinem Zuhause aus mindestens drei Bäume sehen, jedes Stadtviertel zu 30 Prozent von Baumkronen bedeckt sein und es niemand weiter als 300 Meter bis zur nächsten Grünfläche haben sollte.

Bei den Freisingerinnen und Freisingern stieß die Veranstaltung auf großes Interesse.
Bei den Freisingerinnen und Freisingern stieß die Veranstaltung auf großes Interesse. (Foto: Marco Einfeldt)

Die Professorin Claudia Traidl-Hoffmann, Direktorin des Instituts für Umweltmedizin an der Universität Augsburg, präzisiert das noch. Sie würde sich wünschen, dass man all das an der Gesundheit der Menschen messen könne. Auch kleinere Städte wie Freising seien nicht mehr „cool“, sondern bereits ein bis zwei Grad heißer als früher, „das macht uns kränker“: Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Allergien oder Asthma seien nicht nur bei Senioren ein Thema: „Ich sehe das in Ambulanz und Forschung.“

Daneben drohe durch die Hitze ein Verlust von Arbeitskraft, fürchtet Traidl-Hoffmann und steuert weitere Bausteine bei, wie man gegensteuern kann: Trinkbrunnen, Verschattung, Hitzeschutzpläne für Altenheime, einen „Kompass für vulnerable Gruppen“, der die Menschen geschützt vor Hitze durch die Stadt führt und kühle Orte aufzeigt. Hier gebe es bereits eine Initiative zur Zusammenarbeit mit den Kirchen: „Die sind immer kühl und ein Gebet schadet am Ende auch nicht“, so die Professorin.

Freisings Oberbürgermeister Tobias Eschenbacher (Freisinger Mitte) verteidigt naturgemäß die Stadtpolitik. Man habe ein Klimaanpassungskonzept, sagt er, „wir wissen, wo die Probleme sind, sind in vielen Dingen vorn dran“.  Beim Umbau der Innenstadt habe man die Akteure einbezogen und 30 neue Bäume gepflanzt, am Wörth entstehe demnächst eine dritte Klimaoase und nach dem Umbau auf dem Domberg werde der grüne Südhang neu gestaltet. Am Marienplatz und am Aufgang zum Lindenkeller würden Trinkwasserbrunnen installiert – „aber in der Summe wird das alles ein wenig dauern“, räumt er ein.

Besonders wichtig ist die Schaffung „dritter Orte“

Ein weiterer wichtiger Mosaikstein, um Akzeptanz zu schaffen, ergibt sich noch aus der Diskussion mit dem Publikum. In den Städten müssten sogenannte „dritte Orte“ geschaffen werden, Bereiche, in denen man sich aufhalten könne, ohne etwas konsumieren zu müssen, so die Forderung, gestützt von Traidl-Hoffmann: Nicht nur das Immunsystem der Menschen habe unter Toleranzverlust zu leiden, sondern auch die Gesellschaft, sagt sie. Toleranz aber entstehe durch Kontakte und deshalb seien diese dritten Orte sogar ein sehr wichtiger Baustein. Und die Professorin gibt dem Publikum dann auch die entscheidende Frage mit auf den Heimweg:  „Wer hält uns eigentlich davon ab, die Dinge jetzt so zu machen, wie sie gehören und wie sie gut sind?“

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