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Burn-out im Studium: Immer mehr Studierende betroffen – was man tun kann – München | ABC-Z

Im Maschinenwesen-Studium an der Technischen Universität München (TUM) gibt es zwei Grundlagenprüfungen – Technische Mechanik 1 und Höhere Mathematik 1. Wer diese Prüfungen in zwei Anläufen nicht schafft, fliegt gleich zu Studienbeginn raus – und das passiert nicht wenigen. Leo hat Maschinenwesen an der TUM studiert und gehört zu dem Teil, der diese Klippe überwunden hat. Auch die oft nicht weniger harten Prüfungen in den darauffolgenden Semestern bestand er alle bis zum Bachelor. Den Master aber hat er gar nicht erst angefangen.

Denn während seines Studiums bekam er es mit einer aufkeimenden Depression zu tun. Ausgelöst durch Ereignisse in seinem Privatleben, hatte die Krankheit einen großen Einfluss auf sein ohnehin schon stressiges Studium. „Mir ist es mit der Zeit immer schwerer gefallen, in die Uni zu gehen“, sagt er. Nach und nach habe er sich immer weiter von seinem Studium entfremdet. Seine Leistungsfähigkeit litt in dieser Zeit enorm.

Leo ist damit kein Einzelfall. In den Hörsälen der deutschen Hochschulen und Universitäten ist die Zahl der Studierenden, die mit psychischen Problemen zu kämpfen haben, stark angestiegen. Mehr als jeder dritte Studierende in Deutschland ist Burn-out-gefährdet, also gibt an, stark emotional erschöpft zu sein. Das geht aus einem Gesundheitsreport der Techniker Krankenkasse (TK) von 2023 hervor.

Darin ist zu lesen, dass Studierende 2017 noch überdurchschnittlich gesund und weniger psychisch belastet im Vergleich mit der Gesamtbevölkerung. Aber bis 2023 ist die Rate der Burn-out-Erkrankungen von Studierenden auf das Niveau eben jener Gesamtbevölkerung gestiegen. Auch im Vergleich zu jungen Erwerbstätigen kommen Studierende nicht gut weg. So ist laut der TK-Studie die Verschreibungsrate von Antidepressiva bei Studierenden in den vergangenen Jahren deutlich angestiegen und um 16 Prozent höher als bei gleichaltrigen arbeitenden Personen.

Die Münchner Universitäten bieten niedrigschwellige Hilfsprogramme und Anlaufstellen für Studenten mit psychischen Problemen an. So hat die TUM etwa ein Studiencoaching-Programm, eine allgemeine Studienberatung und das TUM4Mind-Programm – eine Reihe von Onlineveranstaltungen zum Thema mentale Gesundheit. Die Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) verweist auf ihrer Website unter dem Reiter WeCare@LMU auf ihr gesammeltes Beratungsangebot.

Bei tiefgreifenderen Problemen empfehlen beide Universitäten den Studierenden, die Psychotherapeutische und Psychosoziale Beratungsstelle des Studierendenwerks München (PTB) aufzusuchen. Dort können Studierende kostenlos und unkompliziert bei zehn ausgebildeten oder fast fertig ausgebildeten Psychotherapeuten einen Termin vereinbaren.

Immer mehr Studierende werden an Psychotherapeuten verwiesen

1467 Studenten haben dieses Angebot im vergangenen Jahr angenommen. Julia Semineth ist Beraterin in der Beratungsstelle. Ihr Büro befindet sich am Helene-Mayer-Ring im Gebäude der alten Mensa am Olympiapark. Zu der ausgebildeten Verhaltenstherapeutin kommen Studierende mit verschiedensten psychischen Problemen. In maximal drei Sitzungen spricht sie mit ihnen über ihre aktuelle Situation, gibt ihnen Ratschläge und Achtsamkeitsübungen für den Alltag mit. Eine handfeste Diagnose bekommen die Studierenden von ihr nicht. Dafür reicht die Zeit nicht aus. Nach den Sitzungen verweist sie entweder auf niedrigschwellige Angebote wie Gruppenprogramme oder Workshops oder auf eine weiterführende Behandlung.

In den ersten Semestern kommen zu Julia Semineth regelmäßig Studierende, die mit dem Sprung von der Schule in die Uni zu kämpfen haben. Der Schritt von kleinen Klassen, individueller Betreuung und klaren Strukturen zu großen Hörsälen, Anonymität und freiem Lernen sei für manche eine Herausforderung, sagt sie.

Den Unterschied zwischen Schule und Uni hat auch Leo gespürt, besonders in der ersten Klausurenphase. Während er in der Schule die Möglichkeit hatte, den Stoff vollumfänglich zu begreifen, hatte er bei den Klausuren an der Uni immer das Gefühl, dass er noch mehr hätte machen können. Er hat den Schritt damals zwar gut gemeistert, weiß aber, dass die Umstellung mit Stress verbunden ist.

Erst in den höheren Semestern hatte Leo dann mit mentalen Problemen zu kämpfen. Nach einiger Zeit wandte er sich an die PTB und bekam einen Termin bei einem Kollegen von Julia Semineth. Dort hat er sich geöffnet und von seinen Problemen erzählt. Nachdem er alle drei Sitzungen absolviert hatte, hat ihm der Berater empfohlen, Therapiestunden zu vereinbaren.

Das empfehlen die Berater bei der PTB immer häufiger. „Wir haben vor einigen Jahren etwa die Hälfte der Studierenden, die zu uns gekommen sind, an Psychotherapeuten weitergeleitet. In der ersten Jahreshälfte 2025 waren es schon 73 Prozent“, sagt Semineth.

Aber wieso steigt gerade bei Studierenden in ganz Deutschland die psychische Belastung so deutlich an? Auf den ersten Blick wirkt sie doch steuerbar. „Es gibt häufig keine Anwesenheitspflicht, man kann die Menge an Kursen frei wählen, und Prüfungen können meistens wiederholt werden“, sagt Julia Semineth. Dem gegenüber stehen Prüfungen mit hohen Durchfallquoten und Sinnkrisen, dazu kommen finanzielle Sorgen. Um sich ihren Studierendenalltag leisten zu können, verdienen sich 80 Prozent neben der Uni in Nebenjobs oder als Werkstudierende etwas dazu.

Welche Regel bei Burn-out helfen kann

In München war der Lebensunterhalt schon immer teurer als in vielen anderen Städten, aber jetzt sei alles noch einmal deutlich teurer als vor zehn Jahren, sagt Semineth. Die Kosten für Miete, Lebensmittel, Klamotten, ja sogar die Semesterbeiträge sind in den vergangenen Jahren stark angestiegen. Abseits des Hörsaals ein weiterer Stressfaktor für Studierende.

Anhaltender Stress kann ein Burn-out befeuern. Erste daraus resultierende Symptome können anhaltende Anspannung, Schlafstörungen, eine schrumpfende Aufmerksamkeitsspanne bis zu Entfremdung vom Studium sowie ein deutlicher Leistungsabfall sein. Wobei all diese Warnsignale auch der Anfang einer Depression sein können. Die Übergänge sind fließend. So ist laut Julia Semineth eine Erschöpfungsdepression kaum von einem starken Burn-out zu unterscheiden. Wer unter den aufgezählten Symptomen leidet, steht nicht zwangsläufig kurz vor einer Depression oder einem Burn-out, aber man tut gut daran, das eigene psychische Wohlbefinden nicht zu vernachlässigen.

Sollte sich der Verdacht auf ein Burn-out erhärten, sei Entlastung der erste Schritt, sagt Semineth. Sie sucht mit den Studierenden, die zu ihr kommen, Möglichkeiten, mehr Sport, Freizeit und Achtsamkeit in den Alltag zu integrieren. Dabei gilt es auch, zu Hause Abstand vom Studium nehmen zu können. Die Studierenden sollten sich neben der Uni anderen Aktivitäten und Projekten widmen, damit der eigene Selbstwert nicht nur vom Studium abhängig gemacht wird. Um eine gesunde Balance zu finden, gibt Semineth ihnen gerne die 3×8-Regel an die Hand: acht Stunden arbeiten, acht Stunden Freizeit und das Wichtigste – acht Stunden Schlaf. All das empfiehlt sie zur Prävention grundsätzlich allen Studenten.

Mit Entlastung, Sport und Achtsamkeit hat auch Leo versucht, sein Wohlbefinden zu verbessern. Denn entgegen der Empfehlung seines Beraters hat er beschlossen, erst mal keine Therapie zu machen. „Ich wollte mir damals nicht eingestehen, dass ich krank bin“, sagt er. In den Sommermonaten funktionierte die Umstellung noch relativ gut. Aber gegen Herbst ging es ihm wieder zunehmend schlechter.

Einen großen Anteil daran hatte seine Bachelor-Arbeit, die genau in die Herbstmonate fiel. Mit dem ihm von der Uni zugeteilten Betreuer kam er gar nicht klar. Und auch Leo hinterfragte den Sinn seiner Arbeit und seines ganzen Studiums immer häufiger. Seine Krise spitzte sich zu, und ihm wurde klar, dass er allein nicht mehr aus dieser Situation herauskommen würde: Er besorgte sich mit einiger Verzögerung doch einen Therapieplatz. Zudem legte er nach seiner Bachelor-Arbeit ein Pausensemester ein – danach wollte er eigentlich seinen Master machen. Aber: „Ich konnte mir nach all dem nicht mehr vorstellen, an die Uni zurückzugehen“, sagt er.

Abstand von der Uni zu nehmen, tat ihm sehr gut. In Kombination mit der Therapie hat Leo es geschafft, seine Depression zu überwinden. Der Uni kehrte er danach endgültig den Rücken. Jetzt hat er im Handwerk seine neue Berufung gefunden. Über Monate hinweg arbeitete und lernte er in verschiedenen Handwerksbetrieben; vor Kurzem hat er seine eigene Firma angemeldet. Dort bietet er Renovierungsarbeiten an.

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