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Ausstellung „Möglichkeit der Unvernunft“: Böhmermanns Nabelschau | ABC-Z

Eine im Wasser versunkene aufblasbare Freiheitsstatue, deren Gummifackel sich im Minutentakt hebt und senkt. Ein Fernglas, mit dem man das Kanzleramt ins Visier nehmen kann. Eine Büste von Helmut Kohl aus 350 Kilo Butter. Drei KI-generierte Nacktfotos von Friedrich Merz mit abgeklebter Schamzone. Fünf Grabsteine mit den Namen deutscher Milliardäre. Ein Apparat, der dreimal stündlich ein Plüschtier schreddert und auf den Boden eines Stahlkäfigs spuckt. Vier Kabinen, in denen Pixel-Clowns die Prüfungsfragen der deutschen Einbürgerungsbehörde verulken. Eine Ehren-Ecke für den Komiker Dieter Hal­ler­vorden. Ein loser Haufen E-Roller als Großskulptur.

Das ist die Substanz der Ausstellung „Die Möglichkeit der Unvernunft“, die der Moderator Jan Böhmermann am Wochenende im Ber­li­ner Haus der Kulturen der Welt (HKW) er­öff­net hat. Das Medienecho war groß, die Zeitungsportale, Radio- und Fernsehkulturmagazine wetteiferten mit Erlebnisberichten zu Böhmermanns Coup. Und genau darauf hat es der Frontmann des ZDF Magazin Royale angelegt.

Er hasst seine Feinde genauso wie Trump

Denn um Unvernunft oder Gegenvernunft im tieferen Sinn geht es in der Ausstellung an keiner Stelle. Es geht allein um ihn, den Nabel dieser Nabelschau: Jan Böhmermann. Am deutlichsten wird das in jenem Saal, in dem neben der Kohl-Skulptur eine ganze Wand mit Screenshots aus Böhmermanns Computer und eine weitere mit eigens gedruckten Bildpostkarten seiner Social-Media-Gegner vollgehängt ist – Profilfoto auf der Vorder-, Kommentar auf der Rückseite. Im Foy­er, das eine Blütenlese von Erinnerungsstücken aus zehn Jahren Magazin Royale versammelt, rundet ein verfremdetes Fahndungsplakat aus den Siebzigerjahren die Selbstumkreisung ab.

Die Freiheit versinkt: Blick auf Jan Böhmermanns Ausstellung im Berlin HKWdpa

Statt der RAF-Terroristen, die damals abgebildet waren, hat Böhmermanns Ausstellungsteam Fotos seiner politischen und publizistischen Widersacher eingefügt, darunter die halbe Kommentatoren-Riege der „Welt“ und der ehemalige FDP-Chef Lindner samt Ehefrau. Wer das nicht lustig findet, darf sich gleich für den nächsten digitalen Pranger anmelden. Böhmermann hasst seine Feinde nämlich keinen Deut weniger als sein Antipode Donald Trump – er schwingt nur anstelle des Polizeiknüppels die Moralkeule.

Wo also liegt der Witz dieser Ausstellung? Er liegt darin, dass Böhmermann die Böhmermann-Festspiele auch ins Freie tragen will und deshalb in den kommenden drei Wochen eine Reihe von Konzerten und Podien auf dem HKW-Gelände veranstaltet. Zu einem davon hatte er den Rapper Chefket eingeladen, der öffentlich mit einem T-Shirt posiert, auf dem der Staat Israel durch ein Land „Palästina“ ersetzt worden ist. Der Kulturstaatsminister, dessen Behörde Hauptfinanzier des Veranstaltungsorts ist, hat die Einladung am Samstag angeprangert – und Böhmermann den Auftritt am Montag abgesagt. Irgendwo hört der Spaß eben auf, selbst da, wo die Eitelkeit mit der Unvernunft Techno tanzt. Der Rest ist, wie heißt es doch so schön bei Hallervorden: „palim, palim“.

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