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Dialekte in Deutschland: Warum regionale Sprachformen Vertrauen schaffen | ABC-Z

Mit wem auch immer ich im Gespräch darauf kam, dass ich ein Buch über die Schönheit der deutschen Sprache schrieb – er oder sie fragte mich erwartungsvoll: „Aber Sie schreiben ja bestimmt auch über die Schönheit unserer Mundarten?“ Den letzten Anstoß gab eine Begegnung beim ehrenamtlichen Standdienst meines Lions Clubs auf dem Weihnachtsmarkt in Frankfurt. Dort war ich eingeteilt zum Verkauf von Glühwein und „heißem Äppler“. Den Standdienst teilte ich mir mit einem zupackenden Mann aus Mittelhessen, Peter Greib. Schon beim ersten Kontakt waren wir uns sympathisch. Eine landschaftliche Klangfärbung in der Sprache war bei uns beiden unüberhörbar. Im Nu kamen wir auf das Thema der Mundarten.

Mein Standkollege stammte aus dem Städtchen Amöneburg, das malerisch auf einem 365 Meter hohen Basaltkegel im Landkreis Biedenkopf-Marburg gelegen ist. Ich fragte ihn nach seinem Ortsdialekt. Sogleich belebten sich seine Gesichtszüge, und in authentischer Kennerschaft sprudelten die Besonderheiten seines Heimatdialekts nur so aus ihm heraus: „Mir schwätze Bercher Pladd“, sagte er stolz. Dann horchte er für einen kurzen Moment in sich hinein, lächelte und sagte: „Bei uns daheim heißt es zum Beispiel zwie Kerle, zwu Menscher und zwa Kinn.“

Dialektsprecher stehen für Wärme und Nachsichtigkeit

Zuvor hatte ich noch nicht davon gehört, dass Zahlwörter wie zwei je nach Geschlecht verschieden gebeugt werden. Aber warum denn nicht? Zumal diese Zahlwörter des Bercher Platt unter dem Aspekt der Schönheit und Attraktivität ausgesprochen klangvoll sind. Es sind herbe Klangschönheiten, vor allem wenn man sie nacheinander hört: zwie, zwu, zwa. Und verständnisfördernd sind sie noch dazu, denn man weiß schon anhand des gebeugten Zahlworts, ob ein weibliches, ein männliches oder ein sächliches Nomen folgen wird.

Dass die Amöneburger deshalb besser zählen oder gar rechnen können als andere, konnte mir mein Standkollege freilich nicht bestätigen, auch wenn ihr Dialekt die Genauigkeit fördert. Deshalb ist es wohl eine bewusste Neckerei, dass die Amöneburger von den Bewohnern der umliegenden Dörfer gern als „Lupcher“ auf den Arm genommen werden. Denn das sind Menschen, die es gerade nicht so genau nehmen.

„Aber eine derbe Wortwahl ist in der Mundart eher akzeptabel und wird nicht so ernst genommen wie in der Standardsprache“, erläutert die Dialektologin Brigitte Ganswindt vom Marburger Sprachatlas im Gespräch. In der Mundart sieht man sich nicht bei jeder Kleinigkeit gleich vor Gericht. Wer im Kölschen über jemanden sagt: „Der Jeck hät e Schoss erus“, wird nicht gleich vor den Kadi zitiert. Denn es gilt in Köln das Toleranzgebot: „Jede Jeck es anders.“

Die Einstellungsforschung hat in repräsentativen Umfragen herausgefunden, dass Dialektsprecher mit der Eigenschaft „Wärme“ verbunden werden. Denn Dialekt steht für ein gemeinsames Lebensgefühl. Die Mundart schafft Vertrauen unter denen, die sie sprechen.

Es gibt Versuche, die Mundart wiederzubeleben

Deshalb ist es zu begrüßen, dass sich inzwischen ein mundartfreundlicheres Klima im deutschen Sprachraum entwickelt. Und wo der Dialekt schon abgesunken ist, gibt es beherzte Versuche, ihn wiederzubeleben, oft durch die Mundartpflege Hunderter gemeinnütziger Sprachvereine. Inzwischen scheint es, wie Umfragen zur Spracheinstellung zeigen, sogar „allgemein besonders attraktiv zu sein, eine regionale Sprachform zu können“.

Sehr zu Recht, denn die deutschen Mundarten sind voller überraschender, origineller Sprachformen, ob in der Grammatik oder im Wortschatz. Sie tragen zum Reichtum und zur Schönheit der deutschen Sprache bei. Vor allem ihr Klang. „Die Intonation ist ganz ausschlaggebend für die Bewertung der Dialekte als schön“, sagt Brigitte Ganswindt.

„Jeder Dialekt singt auf seine Weise“, hat der Sprachgelehrte Otto Jespersen einmal gesagt. Und in der Tat erkennen wir die Herkunft eines Dialektsprechers zuallererst an der Sprachmelodie, das heißt an den Hebungen und Senkungen und an Kürzen und Längen des Tons in Silbe, Wort und Satz.

Die große Klangfülle und die lebhafte Modulation der deutschen Dialekte zeigen, wie verzerrt die Bewertung des Deutschen als unmelodisch ist. Der deutsch-dänische Komponist Johann Adolph Scheibe schreibt im Jahr 1754: „Man bemerke nur das gemeine Volk in Sachsen, insonderheit die gemeine Mundart in Dresden und Meissen, ferner in Schwaben und in Tyrol, wie auch in einigen andern Provinzen. Der Ton der Sprache in allen diesen Gegenden ist in der That so melodisch, so singend, daß es ein leichtes wäre, ihn nachzuschreiben, und Provinzial-Tönchen oder Liederchen daraus zu machen.“ Als stark singend gelten die obersächsischen, die thüringischen, die schweizerdeutschen, die österreichischen und allgemein die oberdeutschen Dialekte, also die bairischen und alemannischen.

„Jeder Dialekt singt auf seine Weise“

Eine besondere Stellung in der Klangfarbe und -amplitude der Dialekte nehmen die Tonakzente ein. Von der Stadt Mayen in der Vulkaneifel berichten Dialektforscher, dass es dort sogar Bedeutungsunterschiede gleichlautender Wörter je nach Tonhöhe gibt. Im dortigen moselfränkischen Dialekt bedeutet „man“, wenn es noch kürzer als im Hochdeutschen und mit fallendem Wortakzent gesprochen wird, „Korb“. Wird es länger als im Hochdeutschen, also überlang, und mit zwei Tongipfeln gesprochen – man nennt es den „Trägheitsakzent“ –, bedeutet es „Mann“.

In der Kölner Stadtmundart ist zwar kein direkt bedeutungsunterscheidender Tonakzent zu verzeichnen, wohl aber eine Sprachmelodie, die als „rheinischer Singsang“ im Volksmund bekannt ist. Dass die Amplitude der kölnischen Satzmelodie besonders hoch ausschlägt, ist wissenschaftlich erwiesen. In fast jedem Wort findet sich „eine abweichende Tonhöhenbewegung“, bestätigt die Dialektforschung.

Unvergesslich ist mir die mühelos in fünf Oktaven ausschlagende Sprachmelodie einer echten Kölnerin aus dem früheren Arbeiterviertel Köln-Sülz, als sie mir berichtete, wie sie, wenn sie Reibekuchen (Rievkooche) im Kühlschrank hat, nachts wach wird, aufsteht, an den Kühlschrank geht und den Reibekuchen unbedingt essen muss, „och wann ich weiß, ich han aanschließend Mageping“. Sie machte eine Pause, und mit sanfter, zärtlich säuselnder Stimme schloss sie, in sich versunken, mit den Worten: „Jo, ene Rievkooche. Met deck Botter un Brud.“ Selten habe ich einen so ausdrucksstarken, melodischen Sprachgesang gehört. Purer Wohlklang.

Sprächen wir ohne Luther heute Plattdeutsch?

Doch wie steht es mit dem Tonfall im niederdeutschen Sprachgebiet? Zwar wird das Niederdeutsche oft als monoton bezeichnet, doch eher trifft es zu, dass die deutschen Dialekte insgesamt markanter intoniert werden als die Hochlautung der deutschen Standardsprache und dass alle in einer je besonderen Weise „singenden Charakter“ aufweisen. Man vergegenwärtige sich nur den Klang der alten niederdeutschen Formen, die die althochdeutsche Lautverschiebung souverän nicht mitvollzogen haben: „Ik snack Platt.“

So auch Johann Buddenbrook in Thomas Manns berühmtem Roman. Er sagt dessen erste Worte auf Platt: „Je, den Düwel ook“ – wenn das mal keinen Klang hat! Erst danach fährt er, zu seiner Enkelin gewandt, auf Französisch fort. Das Niederdeutsche hat sich in Norddeutschland bis ins 19. Jahrhundert auch in den oberen Schichten gehalten. Und auch heute heißt es wieder: „Plattdüütsch leevt.“

Wenn ein niederdeutscher „Plattschnacker“ heute stolz und selbstbewusst seine alte Sprache spricht, dann weiß er auch davon, dass sie als ausgebildete und geschriebene Sprache der Hanse durchaus das spätere Hochdeutsch hätte werden können, wenn nicht das Meißnerische Deutsch mit Luthers Bibelübersetzung im 16. Jahrhundert seinen Siegeszug angetreten hätte.

Wenden wir uns von Norden nach Süden und schauen ins alemannische Sprachgebiet. Hier stoßen wir auf wieder andere reizvolle klangliche Eigenheiten. In einem akribischen Sprachporträt des „Wäärerdütsch“, einer Mundart, die in dem im Südschwarzwald gelegenen Städtchen Wehr (Baden) gesprochen wird, ist die Neigung zu volltönenden Langvokalen besonders ausgeprägt. Dort finden sich zuhauf verlängerte Wörter wie „Läbere“ (Leber), „Fäädere“ (Feder) oder „lagere“ (lagern) und „liifere“ (liefern).

Musikalisch schlägt der Dialekt die Hochsprache

Mit Langvokalen kann auch das Frankfurterische aufwarten: „Mer waaß es net.“ In einer über 1000 Seiten starken „Sammlung der deutschen Mundarten in Dichtungen, Sagen, Märchen, Volksliedern“ aus dem 19. Jahrhundert rückt der Sprachgelehrte Johannes Matthias Firmenich die lautliche Eigenart der Frankfurter Mundart gar an das elegante Französisch heran: „Alle Endungen auf ,an‘, ,än‘ und ,en‘ werden wie der bekannte französische Nasenlaut in dans, bain, fin usw. ausgesprochen.“

Darum, dass sich die internationale Finanzmetropole Frankfurt ihrer regionalen Einbindung erinnert, macht sich Michael Quast mit seiner erfolgreichen „Volksbühne“ verdient, die in bester Tradition das mundartliche Theaterspiel pflegt. „Bei unseren Aufführungen des ,Hessischen Molière‘ von Wolfgang Deichsel entsteht zwischen Bühne und Publikum eine Art vegetativer Übereinstimmung, der sich auch dialektferne Zuschauer nicht entziehen können“, sagt Michael Quast im Gespräch. „Die Kombination von Mundart und gebundener Sprache, dass also Hessisch in Versen gesprochen wird, ist eine explosive Mischung. Für den Schauspieler ist sie eine Partitur, mit der Saiten zum Schwingen gebracht werden, die die Hochsprache nicht erreicht.“

Apropos Schwingen: Mein Glühweinstandkollege aus Amöneburg wartete mit einer besonderen klanglichen Delikatesse seines Heimatdialekts auf. Er zitierte mir folgenden Dialog: „A: ,Wo witte da dei Ha hie hu?‘ B: ,Ei, uf de Habi!‘“ (A.: Wo willst du denn dein Heu hinhaben? B: Na, auf den Heuboden!) Klingt das etwa konsonantisch hart?

Wenn der Warentrenner zum “Meindeinchen“ wird

Nicht nur in der Lautgestalt, sondern auch in den grammatischen Strukturen haben die deutschen Dialekte einiges an ansprechenden Besonderheiten zu bieten. So findet sich in den deutschen Mundarten eine Vielzahl verschiedener zärtlicher Verkleinerungsformen: nicht nur -chen und -lein, sondern auch in Plattdeutsch -je, -ken, Schwäbisch -le und -el, Schweizerdeutsch -li und so weiter. Besonders schön ist das plattdeutsche Mieendientje, also „Meindeinchen“. Es bezeichnet zärtlich das profane hochdeutsche „Trennbrett“ auf dem Rollband im Supermarkt.

Wem die Konjugation der deutschen Hochsprache zu formenreich ist, dem sei das Schwäbische empfohlen. In allen drei Pluralformen des Verbs reicht im Präsens die Form machet: wir machet, ihr machet, sie machet. Der Romanist Hans-Martin Gauger steuert dazu einen schönen Witz bei, der zeigt, „wie das Komische jederzeit über uns hereinbrechen kann“. Ein schwäbisches Ehepaar hat seine Gäste zur Bahn gebracht. Sie sitzen bereits im Abteil. Der Zug fährt an. Der Schwabe sagt zu seiner Frau: „Mer sehe se nemmer.“ Seine Frau ordnet an: „Mer winket trotzdem.“

Weit über das rheinische Dialektgebiet hinaus verbreitet hat sich die kölsche Verlaufsform des Verbs, die aus dem Englischen als continuous form allgemein bekannt ist: „Ich bin am Arbeiten.“ Die in der Sprachwissenschaft als „am-Progressiv“ bezeichnete Verbform ist nicht auf das Ergebnis einer Handlung ausgerichtet, sondern auf ihren Verlauf. Dass bei dem Verlauf etwas herauskommt, ist hier nicht vordringlich, sondern allein die Tatsache, dass überhaupt etwas getan wird.

Zur Wortgewalt der deutschen Sprache

Eine freundliche Deutung könnte lauten, den Kölnern komme es eben nicht so sehr auf das Ergebnis an, ganz im Sinne des menschenfreundlichen Wahlspruchs „leeve und leeve losse“. Bösartige Zungen könnten hingegen die kölsche Verlaufsform so interpretieren, dass man dort nicht „mitten in der Arbeit“ steht, sondern nur gewissermaßen daran, also in einer zaghaften Näherungsbewegung. Aber mentalistische Deutungen dieser Art sollten sich auf Büttenreden beschränken.

Jeder kennt es, und doch ist es für Deutschsprachige diesseits des sogenannten Weißwurstäquators immer wieder erneut auffällig, wenn das Perfekt mancher Verben im süddeutschen Sprachraum einschließlich Österreichs und der Deutschschweiz mit dem Hilfsverb sein gebildet wird: Do bin i gstandn, do bin i gsessn, do bin i glegn. Ist nicht mit dieser Form des Perfekts eine etwas andere Vorstellung des Stehens, Sitzens und Liegens verbunden als mit der standarddeutschen Konstruktion? Eine leichtere, nur angedeutete? In jedem Falle ist es eine reizvolle grammatische Besonderheit, die auch noch schön klingt.

„Jeder Dialekt hat eine eigene Phonologie, Syntax und Semantik“, sagt Brigitte Ganswindt. Die Wortschätze deutscher Dialekte gehen oft in die Tausende. So zählt allein das bereits genannte Wäärerdütsch in der Sammlung von Bruno Schäuble neben Hunderten Redensarten insgesamt 2500 Stichwörter. Zum Vergleich: Der deutsche Grundwortschatz liegt bei 2800 Wörtern. Im „Wörterbuchnetz“, einem digitalen Verbund von Wörterbüchern, Lexika und Enzyklopädien, finden sich dankenswerterweise etliche digitalisierte Dialektwörterbücher mit jeweils mehreren Tausend Einträgen.

Die Hälfte der Befragten spricht auch Dialekt

Die Dialekte bieten eine große Auswahl an gleichbedeutenden, aber anders lautenden Wörtern. Für das Verb sich beeilen notiert der Deutsche Wortatlas 700 Synonyme! Nur ein paar wenige seien hier von Norden nach Süden zitiert: tomaken, taumaken, spauden, sich spude, hennmaken, sik rögen, furt moken, sik reppen, sech ploge, sich zaue, sich tummeln, sich eilen, sich dummle, nore mache, sich schicken, pressieren, schleunen, si gschlein, husi gehen. Eine reiche Auswahl, und wesentlich charmanter als die neudeutsche umgangssprachliche Aufforderung: „Mach mal Lufthansa.“

Die Mundarten gehören zum Deutschen. Sie sind die alte deutsche Sprache, denn bis zur Durchsetzung der Hochlautung seit Beginn des 20. Jahrhunderts wurde entweder Dialekt gesprochen oder aber ein landschaftlich betontes Hochdeutsch. Immerhin noch knapp die Hälfte der Befragten bestätigt in einer repräsentativen Umfrage, auch Dialekt zu sprechen. Und wo Dialektauflösung zu verzeichnen ist, bilden sich immerhin Regiolekte aus, die klangliche Eigenheiten der alten Dialekte in die Umgangssprache retten.

Dialekte können schön klingen und Schönes in ihre markanten Worte fassen. Wäre es vorstellbar, dass in Theodor Fontanes berühmtem Gedicht „Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“ etwas anderes erklingt als jene vertraute Stimme: „Lütt Dirn, kumm man röwer, ick gew’ Di ’ne Birn“?

„Von der Schönheit der deutschen Sprache. Eine Wiederentdeckung“, Roland Kaehlbrandt, Piper-Verlag, München 2025, 320 Seiten, 14 Euro.

Lesungen des Autors: 15. Oktober, 11 Uhr Buchmessestand der F.A.Z. (im Gespräch mit Matthias Alexander), 20 Uhr, „Open Books“, Historisches Museum Frankfurt; 21. Oktober, 19.30 Uhr Stadtbibliothek Frankfurt; 28. Oktober, 19.30 Uhr Romanfabrik.

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