4 Jahre Krieg: Wie halten die Ukrainer das aus? | ABC-Z

Die batteriebetriebene Tischlampe erhellt zumindest den Küchentisch. Dahinter sitzen an einem Montagabend Ende Januar Mykola und Ljubow auf einer Eckbank. Er ist 73 und seine Frau 68 Jahre alt. Sie trägt eine lammfellgefütterte Kapuzenjacke, er einen Wollpullover mit Rollkragen. Sie liest ein Buch, er schaut Nachrichten auf seinem Mobiltelefon. Beide haben je eine Wolldecke um ihre Schultern gelegt. „So verbringen wir jetzt viele Abende“, sagt Mykola.
In der Küche ihrer Wohnung im elften Stock eines Plattenbaus am linken Ufer des Dnipro in Kiew sind es elf Grad. Immerhin. Auf dieser Seite der Wohnung wird die Heizung lauwarm, außerdem gibt es einen Gasherd. Ihr Wohnzimmer auf der anderen Seite des Flurs haben sie schon seit zwei Wochen nicht mehr betreten. Dort sind es sieben Grad, weil auf dieser Hausseite die Heizung komplett ausgefallen ist. Die Türritzen zum Wohnzimmer haben sie mit Handtüchern zugestopft, damit die Kälte nicht in den Rest der Wohnung dringt.
Seit Russland vor vier Jahren großflächig die Ukraine überfiel, bombardiert es die Strom- und Heizkraftwerke des Landes. Doch nie traf es die ausharrenden Menschen so hart wie in diesem Winter, der so lang und frostig wie schon lange keiner mehr ist und in dem auch deshalb viele die Folgen der russischen Angriffe besonders spüren und sehen. Nach vier Jahren Zerstörung kommen die Energieversorger trotz nahezu pausenlosen Einsatzes kaum mehr mit Reparieren hinterher.
Höchstens 20 Minuten Strom
Vor allem in der Hauptstadt Kiew blieben Hunderttausende Wohnungen bei Außentemperaturen von unter minus 20 Grad zum Teil über Wochen kalt. Bis heute sind noch nicht alle wieder angeschlossen. Auch Strom gibt es vielfach nur sporadisch. Nach dem Großangriff Anfang Januar hatten Ljubow und Mykola 34 Stunden keinen Strom. Danach sollte es wieder geplante An- und Abschaltungen geben. „Doch statt drei Stunden wie vorher ist der Strom jetzt höchstens mal 20 Minuten da und dann wieder weg“, erzählt Ljubow.
Das Ziel der russischen Angriffe ist offensichtlich: Die Menschen sollen mit aller Gewalt dazu gebracht werden, aufzugeben. Doch anders als auch von vielen Hilfsorganisationen erwartet, hat die Zerstörung wichtiger Lebensgrundlagen nicht zu einer weiteren Flüchtlingswelle aus der Ukraine geführt. Und anders als von Moskau erhofft, geben die Ukrainer nicht auf, sondern harren in ihren kalten und dunklen Wohnungen aus.
„Wir haben die Sowjetzeit überlebt, und wir werden auch das überleben“, sagt Mykola, während er sein Computerzimmer zeigt, das früher das Kinderzimmer war. Auf der Fensterbank liegen Kissen, die Scheiben sind mit Folie beklebt. „Splitterschutz“, sagt er und zeigt aus dem Fenster. Am Wohnblock gegenüber klafft im zwölften Stock ein rußschwarzes Loch durch einen russischen Drohneneinschlag. Die Fenster der benachbarten und ebenfalls zerstörten Wohnungen sind mit Sperrholzplatten verriegelt.
Das regierungsunabhängige Kiewer Internationale Institut für Soziologie (KIIS) erforscht seit Beginn der Vollinvasion die gesellschaftliche Widerstandsfähigkeit der Ukrainer. Eine Umfrage Ende Januar kommt zum Ergebnis, dass die russischen Angriffe auf die Energieinfrastruktur die Bereitschaft der Menschen, zu kapitulieren, nicht erhöhen. Bei der Frage, wie lange sie bereit sind, den Krieg zu ertragen, gibt es als eine Antwortmöglichkeit: „So lange wie nötig.“
Ukrainer wollen Widerstand fortsetzen
Zwei Drittel der Befragten entschieden sich für diese Option. Das waren sogar noch mehr als bei Umfragen im September und Dezember vergangenen Jahres, als jeweils 62 Prozent diese Antwort wählten. „Der Wunsch, den Widerstand fortzusetzen, ist nach wie vor groß“, schlussfolgert das Institut. Lediglich ein Prozent der Befragten gab an, dass sie wegen andauernd kalter und dunkler Wohnungen weggezogen seien.
Zudem verstehen 88 Prozent der Ukrainer die russischen Angriffe auf ihre Kraftwerke klar als Mittel, sie zum Aufgeben zu zwingen. Nur sechs Prozent teilen die russische Behauptung, dass man nur auf ukrainische Angriffe reagiere oder militärische Ziele angreife. 54 Prozent der Befragten geben Russland die Schuld für die Stromausfälle, 31 Prozent sehen jedoch auch eine Mitverantwortung ukrainischer Behörden.
Dass diese zumindest in Teilen nicht genug Vorsorge getroffen hätten, ist ein Vorwurf, der zuletzt auch zu Auseinandersetzungen zwischen dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj und Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko führte. Selenskyj zählte Klitschko öffentlich wegen der prekären Energieversorgung in der Hauptstadt an und verwies auf Städte wie Charkiw, wo die Lage trotz Angriffen unter Kontrolle sei.
Auch die Lage an der Front bewertet eine Mehrzahl der Ukrainer alles andere als aussichtslos. 77 Prozent der Befragten gaben ebenfalls im Januar an, dass die russische Armee zwar begrenzt Erfolge habe, die Ukraine aber in der Lage sei, den militärischen Widerstand fortzusetzen. Zwölf Prozent hielten das dagegen für aussichtslos. Im Herbst 2025 glaubten mehr als drei Viertel der Befragten, dass mit Sanktions-, Finanz- und Waffenhilfe westlicher Verbündeter Russland besiegt werden könne.
In der gleichen Umfrage erklärten 54 Prozent der erwachsenen Ukrainer sowie 60 Prozent der Männer unter 60 Jahren, sich bei Bedarf ihren Streitkräften anzuschließen. Einen Ansturm auf die Wehrkreisbüros wie zu Beginn der russischen Invasion gibt es in der Ukraine jedoch schon lange nicht mehr, die Armee hat große Personalprobleme. Dem KIIS zufolge handelten die meisten Menschen nach dem Motto: „Ich bin kein Freiwilliger und werde den Militärdienst aufschieben. Aber wenn ich eine Einberufung erhalte, dann ist das mein Schicksal, und ich werde dem Land dienen.“ Auch aus dem kleinen Team des Instituts seien 2025 zwei Mitarbeiter einberufen worden und nun nach ihrer Ausbildung im Einsatz an der Front.
Die Gesellschaft mobilisiert sich selbst
Die bemerkenswerte Widerstandskraft der Ukrainer rühre auch aus der Lebenserfahrung, sagt der Kiewer Soziologe Tymofij Brik. Er ist 38 Jahre alt und Rektor der Kyiv School of Economics. „Die Ukrainer haben seit den Neunzigerjahren die Erfahrung gemacht, dass sie Institutionen, dem Staat, der Regierung, Polizei und Justiz nicht vertrauen können, weil das System lange einfach nicht funktioniert hat“, sagt Brik der F.A.Z.
„Also haben die Leute die Dinge selber in die Hand genommen, sich ihr eigenes Netzwerk geschaffen aus Menschen, denen sie vertrauen – Familie, Nachbarn, Freunden oder der Kirche.“ Viele Jahre sei das vor allem im Westen als Schwäche des Landes angesehen worden. Die Ukraine habe als dysfunktionales, barbarisches Land gegolten, das korrupt sei und in dem nichts funktioniere. „Aber die Menschen funktionierten, sie schufen sich ihr eigenes Unterstützungssystem.“
Zu Beginn der Invasion vor vier Jahren seien Armee und Staat nicht richtig vorbereitet gewesen. „Aber die Leute waren es“, sagt Brik. „Sie redeten miteinander, mobilisierten, riefen in ihren Netzwerken zum Widerstand auf.“ Ähnlich habe es auch während der Orangen Revolution 2004, auf dem Maidan 2013 und in der Corona-Pandemie funktioniert. „All das addiert sich zu einer großen sozialen Kompetenz“, so Brik. „Wir haben das untersucht, der Effekt ist wirklich erstaunlich.“
Eine Studie über Gemeinden, egal ob sie nahe oder weit weg von der Front liegen, habe gezeigt, dass grundlegende Dinge wie die Versorgung mit Strom und Wasser oder die Müllabfuhr dort weiter gut funktionierten, wo die Menschen selbst handlungsfähig waren. „Wer aktiv ist, Beziehungen und Netzwerke hat, zeigt eine höhere Resilienz in der Krise“, sagt Brik. „Ich denke, das ist etwas, das viele europäische Länder von uns lernen können.“ Gerade in Westeuropa verließen sich viele Menschen sehr auf Staat, Regierung und Institutionen. „Aber was passiert, wenn diese Institutionen angegriffen werden, und die Regierung schweigt 24 Stunden?“, fragt Brik. „Dann werden die Leute in Panik geraten.“ So etwas könne in der Ukraine nicht passieren.
Kein Raum für Defätismus
Das KIIS wiederum sieht die Tatsache, dass der Krieg als existenziell angesehen wird, als zentralen Faktor für die Widerstandskraft der ukrainischen Gesellschaft. So gaben im Januar 69 Prozent der Ukrainer an, Russland wolle ihre Nation zerstören. Für Defätismus bleibe wenig Raum, analysiert das Institut, die Menschen verfielen nicht in Panik. Pragmatismus gebe es jedoch mit Blick auf Wege zu einem Ende des Krieges. So würden fast 70 Prozent dem Einfrieren der Frontlinie im Gegenzug für verlässliche Sicherheitsgarantien der USA und Europas zustimmen. Dagegen lehnten drei Viertel die russische Forderung als „absolut inakzeptabel“ ab, wonach sich die Ukraine ohne Sicherheitsgarantien aus dem Donbass zurückziehen solle.
Die Frage der Sicherheitsgarantien sei eine ganz entscheidende, sagt auch Tymofij Brik. „Die Leute wollen, dass ihr Land souverän bleibt, sowie die Sicherheit, das Russland nicht wieder angreift.“ Es gehe dabei weniger um Territorien als um Menschen. Viele wüssten, dass ein Teil von Donezk nicht zurückkomme, aber im Rest des Landes wollten sie und ihre Kinder sicher leben können. „Damit wären die Leute zwar nicht glücklich, aber einen solchen Deal würden sie wohl akzeptieren.“
Mitte Januar fragte das KIIS konkret, ob die Menschen einem Abzug ihrer Truppen aus dem Donbass und einer Übergabe an Russland im Austausch für klare Sicherheitsgarantien zustimmen würden. 54 Prozent lehnten das klar ab, während 39 Prozent sich das vorstellen könnten. Als Gründe für ihre Ablehnung nannten die meisten Menschen Zweifel an westlichen Garantien und Misstrauen gegenüber Russland. Das könne jedoch „zugleich als Offenheit für einen Meinungswandel interpretiert werden, wenn der Ukraine wirklich etwas Überzeugendes angeboten würde“, schlussfolgerten die Forscher. So stellten die Befürworter strenge Anforderungen an Sicherheitsgarantien, etwa die Stationierung westlicher Truppen nicht nur im Hinterland.
Den derzeit laufenden Verhandlungen gaben 26 Prozent der Befragten eine Erfolgschance, und nur ein Fünftel erwartet gar, dass der Krieg in der ersten Hälfte dieses Jahres endet. „Die Ukrainer wollen Frieden und hoffen aufrichtig darauf, aber die Hoffnung ist begrenzt“, analysiert das KIIS. „Die Menschen wollen nicht ‚irgendeinen‘ Frieden und sind daher bereit, weiter Widerstand zu leisten.“
Positive Nachrichten helfen
Doch auch Widerstandskraft ist nicht unendlich. Viele Ukrainer sind innerlich erschöpft, ausgezehrt von permanenten Luftangriffen und diesem in jeder Hinsicht extremen Winter. „Dauerstress schlägt auf den Körper“, sagt Soziologe Brik. Manche Menschen seien widerstandsfähiger als andere, aber selbst die widerstandsfähigsten hielten so was nicht auf ewig durch.
„Es kann natürlich sein, dass wir in zwei, drei, vier Jahren in der Gesamtheit nicht mehr so resilient sein werden.“ Allerdings könne man den inneren Akku auch wieder aufladen, etwa bei positiven Nachrichten wie der Rückeroberung großer Teile des besetzten Landes im Herbst 2022. Auch grobe Fouls wie der Rauswurf Selenskyjs aus dem Weißen Haus vor einem Jahr haben den Widerstandswillen in weiten Teilen der Bevölkerung gesteigert.
Für die Zukunft ihres Landes ist den meisten Ukrainern trotz allem nicht bange. Ende Januar sahen zwei Drittel der vom KIIS Befragten das Land in zehn Jahren als prosperierenden Mitgliedstaat der EU. 22 Prozent glaubten, dass die Ukraine dann zerstört sein werde. Die Zahl der Optimisten war im Vergleich zu früheren Umfragen noch einmal gestiegen – trotz Bombardierungen, Kälte und Dunkelheit.
Mykola und Ljubow, die Eheleute aus Kiew, hatten immer wieder auch verzweifelte Phasen in diesem Winter. „Aber wir sind optimistisch“, sagen sie Mitte Februar. „Wir glauben an den Sieg, wir werden nicht kapitulieren.“ In ihrer Wohnung ist es jetzt etwas wärmer. Die Heizung funktioniert wieder, das Thermometer zeigt drinnen immerhin 16 Grad. Und draußen sind für die kommenden Tage Plusgrade vorhergesagt, zum ersten Mal seit zwei Monaten.





















