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1:1 gegen Uruguay: Thomas Tuchel verliert wiederholt die Fassung – Sport | ABC-Z

Das Testspiel zwischen England und Uruguay geriet für Sven Jablonski in dreifacher Hinsicht zur Premiere: Erstmals leitete der deutsche Referee eine Partie der prestigeträchtigen Fußballnation England, zudem mit Uruguay erstmals ein Länderspiel unter Beteiligung einer nichteuropäischen Mannschaft. Und das ausgerechnet im Londoner Wembley. In diesem Stadion hatte der gebürtige Bremer zuvor noch nie als Referee auf dem Platz gestanden.

Die Begegnung dürfte Jablonski, 35 Jahre alt, in Erinnerung bleiben – allerdings auch wegen einer Reihe kontroverser Entscheidungen. Dazu zählten zwei strittige Tore, ein grobes Foul sowie die Verwirrung darüber, ob er ein und demselben Spieler womöglich zweimal die gelbe Karte gezeigt hatte, ohne ihn des Feldes zu verweisen.

Die sportlichen Ereignisse am Freitagabend rückten phasenweise in den Hintergrund: der Treffer von Englands Rückkehrer Ben White zum 1:0 in der 81. Minute, ein durch White spät verursachter Elfmeter, der zum Ausgleich durch Federico Valverde führte (90.+4). Immer wieder kam es zu massiven Protesten auf beiden Seiten ob der Entscheidungen Jablonskis. Am energischsten echauffierte sich Englands Nationaltrainer Thomas Tuchel, der wiederholt die Fassung verlor und kaum zu beruhigen war. „Das war über die gesamte Spielzeit hinweg überhaupt keine gute Leistung“, kommentierte Tuchel mit Stirnrunzeln auf der Pressekonferenz. Er attestierte seinem deutschen Landsmann lakonisch einen „gebrauchten Tag“.

Nach kurzer Rücksprache mit seinem Assistenten lief Tuchel nach Abpfiff am Spielfeldrand auf den Vierten Offiziellen Benjamin Brand zu. Heftig gestikulierend redete er auf Brand ein und hielt ihm zwei Finger entgegen – ein Verweis auf die Irritationen rund um die vermeintlich zwei gelben Karten für den Gegner Uruguay. Für die Engländer hatte es in der 70. Minute so gewirkt, als hatte Uruguays Manuel Ugarte für ein Beinstellen an Cole Palmer die gelbe Karte erhalten – und elf Minuten später, nach dem Gegentor, eine zweite wegen Reklamierens.

Demnach hätte er mit Gelb-Rot vom Platz gestellt werden müssen, was ausblieb. Zur Erklärung verwies der TV-Sender ITV im Live-Kommentar auf eine Information Brands vom Spielfeldrand, Jablonski habe die zweite Verwarnung gegen Ugarte zurückgenommen. Diese Nachricht erreichte auch das englische Nationalteam. Tatsächlich stellte sich die Situation anders dar: Jablonski hatte nicht das Foul Ugartes an Palmer mit einer Verwarnung geahndet, sondern die gelbe Karte dessen Mitspieler Ronald Araújo gezeigt. Dieser hatte den Pfiff mit ausgebreiteten Armen kritisiert, was sich Jablonski – den TV-Bildern zufolge unverkennbar – nicht gefallen ließ. Zur allgemeinen Unübersichtlichkeit kam hinzu, dass Ugartes Foul durchaus auch eine Verwarnung hätte nach sich ziehen können.

Der Unmut von Tuchel und seinem Team war besonders groß, da die Engländer auch zwei verletzungsbedingte Auswechslungen hinnehmen mussten und den Elfmeter am Ende als „schmeichelhaft“ (Tuchel) empfanden. Englands Ben White und Uruguays Facundo Pellistri waren im Strafraum jeweils mit ausgestreckten Beinen zu einem halbhohen Ball gegangen. Während Pellistri den Ball spielte, kam White knapp zu spät und berührte den Fuß seines Gegenspielers. Jablonski hatte freie Sicht, pfiff zunächst nicht – entschied dann nach Intervention seines Videoassistenten (VAR) Sören Storks auf Strafstoß.

Ratlosigkeit auf beiden Seiten: Englands Harry Maguire (links) und Federico Valverde aus Uruguay beschweren sich bei Schiedsrichter Sven Jablonski (rechts).
Ratlosigkeit auf beiden Seiten: Englands Harry Maguire (links) und Federico Valverde aus Uruguay beschweren sich bei Schiedsrichter Sven Jablonski (rechts). Julian Finney/Getty Images

„Ich war überrascht, dass plötzlich der VAR eingriff, weil ich dachte, er funktioniere gar nicht“, empörte sich Tuchel sarkastisch. Aus seiner Sicht hätte Storks bereits zweimal zuvor einschreiten müssen – bei Zweikämpfen gegen Noni Madueke und Phil Foden. In der 50. Minute war Araújo mit hoher Dynamik und gestrecktem Fuß frontal in Foden hineingegrätscht. Der Verteidiger kam zuerst an den Ball, traf aber anschließend gesundheitsgefährdend den linken Knöchel seines Gegenspielers. Jablonski wertete die Aktion als regelkonform, Storks sah darin keinen klaren Fehler.

Dabei übersah das Gespann, dass Araújo nur unter Inkaufnahme eines gefährlichen Zusammenstoßes an den Ball gelangen konnte – eine rote Karte wäre zwingend gewesen. Aus Sorge um seine Spieler wandte sich Tuchel wütend an den Kollegen Marcelo Bielsa. Der Trainerveteran hatte ihm vor Monaten telefonisch angekündigt, die Partie „sehr, sehr ernst“ zu nehmen und mit der bestmöglichen Elf anzutreten, berichtete Tuchel hinterher.

Jablonski großzügige Linie erweist sich für diese Partie als bedingt tauglich

Foden musste verletzt ausgewechselt werden, ebenso Mitspieler Madueke, der das Stadion mit einer Kniebandage humpelnd verließ. Beide werden vermutlich das Testspiel gegen Japan am Dienstag verpassen, möglicherweise auch bei ihren Klubs ausfallen – Foden bei Manchester City, Madueke bei Arsenal. Madueke hatte sich bereits in der ersten Halbzeit nach einer Kollision mit Rodrigo Aguirre das Knie verdreht. Beim Versuch, im Strafraum zum Abschluss zu kommen, wurde er von Aguirre von der Seite abgeräumt. Dabei blockte er zwar den Ball mit der Ferse, prallte jedoch mit dem Oberkörper in Madueke, der rücklings zu Boden stürzte. Jablonski erkannte erneut kein Vergehen und gab keinen Elfmeter. Uruguay wiederum fühlte sich beim englischen Führungstreffer benachteiligt, als ein kompromissloser Block von Adam Wharton nach einem Eckball ungeahndet geblieben war.

All diese Spielsituationen hatten eines gemeinsam: Jablonski ließ stets weiterspielen. Das entsprach seiner von Beginn an großzügigen Spielleitung, diese erwies sich allerdings als dieser Partie nur mäßig angemessen. Obwohl sich mehrfach Gelegenheiten boten, mit gelben Karten für taktische Fouls und hartes Einsteigen klare Signale zu setzen, verzichtete er darauf – und verlor zunehmend die Kontrolle über das Spiel. Erschwerend kam eine frühe Verletzung von Uruguays Joaquín Piquerez hinzu, der auf einer Trage abtransportiert werden musste. Piquerez‘ Knöchel war im Zweikampf unter dem Körper von Madueke umgeknickt; dem Engländer war aber kein Vorwurf zu machen.

Für Jablonski dürfte das Spiel in Wembley eine lehrreiche Erfahrung sein. In der Bundesliga hat er sich einen beachtlichen Ruf erworben und gilt aus deutscher Sicht als potenzieller Spitzenschiedsrichter. In dieser Saison wurde er erstmals in der Champions League eingesetzt. Auf internationaler Ebene sind für Schiedsrichter jedoch Autorität und klare Grenzziehung unerlässlich – insbesondere für noch weniger etablierte Unparteiische. So fügte sich Jablonskis Auftritt am Freitag auch in die anhaltende Debatte über den deutschen Schiedsrichterstand ein, der nach dem Rücktritt von Felix Brych nach einem neuen Vorzeige-Referee sucht.

Immerhin hielten sich die Folgen von Jablonskis Auftritt am Freitag in Grenzen: Es handelte sich lediglich um ein Testspiel.

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