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100 Jahre Sprühdose: Zwischen Rebellion und Mainstream | ABC-Z

Stand: 09.02.2026 18:57 Uhr

Ohne sie keine Graffitis: Vor hundert Jahren wurde die Sprühdose erfunden. Bis heute bewegt sich die Szene zwischen illegaler Subkultur und gefeierter Kunstform.

Von Susan Zare und Jonas Hildebrandt

Als der 17-jährige Mirko Reisser im Jahr 1989 das erste Mal eine Sprühdose in der Hand hält, denkt er nicht daran, Künstler zu werden. “Erst recht nicht Graffiti-Künstler”, wie er heute erzählt. Es geht ihm damals um das Abenteuer, den Adrenalin-Kick und das “Wir-Ding”, wie er es nennt – das Gemeinschaftsgefühl. Trotzdem kann er, als er zwei Jahre später sein Abitur macht, schon vom Sprühen leben. Er habe “neben dem Illegalen schon erste Aufträge gemacht”, erinnert er sich. Heute ist er unter dem Namen DAIM international bekannt als Graffiti-Künstler.

Möglich wäre das nicht ohne sein Hauptwerkzeug: die Sprühdose. Vor 100 Jahren, am 9. Februar 1926, entsteht die erste ihrer Art. Der norwegische Ingenieur Erik Rotheim baut eine nachfüllbare “Büchse zum Selber-Sprühen” und sichert sich ein paar Monate später das Patent an der Erfindung. Im Zweiten Weltkrieg wird sie vor allem militärisch genutzt, ein paar Jahre später kommt dann auch Sprühfarbe auf den Markt.

Demokratisierung eines Grundbedürfnisses

Als die Dosen mit dem farbigen Sprühlack auch noch erschwinglich werden, boten sie laut Mirko Reisser die perfekte Chance, einem Grundbedürfnis nachzukommen: dem Wunsch des Menschen, sich im öffentlichen Raum auszudrücken. Dieser Wunsch sei jahrtausendealt und die Sprühdose eben ein Tool, mit dem man unglaublich schnell arbeiten und auf jedem Untergrund sprühen könne.

Von der Straße ins Wohnzimmer: Auch auf Pianolack halten die gesprayten Kunstwerke von Graffiti Artist DAIM.

Die Sprühdose demokratisiert dieses urmenschliche Verlangen. Ihr Zugang ist niedrigschwellig, sie benötigt kein Museum, ist weit entfernt von der eher elitären Kunstwelt und bietet trotzdem Sichtbarkeit, die Möglichkeit, aufzufallen. Als Leinwände dienen Stromkästen, Züge und Hauswände. Die ersten Künstler und Künstlerinnen sind meist Jugendliche und ihre Kunstwerke meist nur ihre Namen. So entsteht im New York der 1960er- und 1970er-Jahre die Subkultur des Graffitis: nicht als Kunstform, sondern als Akt der Rebellion.

In den 80er- und 90er-Jahren schwappt der Hype nach Deutschland rüber – als Teil der HipHop-Kultur, wie Mirko Reisser erzählt: “Man hatte das Rappen, also die Musik, das DJing, das Breaking und eben Graffiti. Es waren diese vier Bereiche und die waren damals völlig neu, völlig anders und es hat mich total in den Bann gezogen. Von heute auf morgen habe ich mich nur noch dafür interessiert.”

Raus aus der Illegalität, rein in den Mainstream

An seinem Beispiel wird auch deutlich, wie die Subkultur schnell Wege aus der Illegalität hinaus rein in den Mainstream findet. Ziemlich bald beginnt Reisser auch auf Leinwände zu sprühen und in Galerien auszustellen. Aus dem adrenalingeladenen Akt der Rebellion wird ein Beruf, aus dem aufbegehrenden Jugendlichen ein Künstler. Und trotzdem ist beides untrennbar miteinander verbunden, meint Reisser: “Heute können die jungen Leute gleich als legale Graffitisprüher anfangen – theoretisch. Ich bezweifle, ob sie dann den Kern und die Essenz von Graffiti überhaupt verstehen, weil ich glaube schon, dass eben der Ausdruck im öffentlichen Raum, die Aktivität, die Action, das Abenteuer unbedingt dazugehört.”

Trotzdem verläuft sein eigener Weg ab den 90er-Jahren eher weg von der Straße. Er studiert Kunst, macht sich in der Graffiti-Szene einen Namen mit seinem einzigartigen 3D-Stil und gründet ein Atelier. Vor vier Jahren erreicht seine Karriere im wahrsten Sinne des Wortes einen Höhepunkt. Er sprüht im kanadischen Calgary das höchste Wandgemälde der Welt. Es ist ein Großprojekt im Rahmen eines Designfestivals – und natürlich legal.

Ein 96 Meter hohes Wandbild schmückt die Betonfassade eines Hochhauses im kanadischen Calgary. Entstanden ist das Werk des Hamburger Graffiti Artists DAIM im Rahmen des Urban-Art-Festivals BUMP.

Eine Kunstform, die ewig jung bleibt

Nicht nur Mirko Reisser, auch Graffiti als Kunstform ist inzwischen endgültig aus dem Schatten heraus ins Rampenlicht getreten. Begriffe wie Street Art oder Urbane Kunst sind allgegenwärtig und erheben das einst verrufene Sprühen zum ernstzunehmenden Kulturgut. Aus dem aufmüpfigen Jugendlichen Mirko Reisser ist der fest in der Kunstwelt angekommene DAIM geworden. Viele Graffiti-Künstler seiner Generation sind mit der Kunstform mitgewachsen.

Und trotzdem, sagt Reisser, gebe es immer noch das Illegale. Das sei etwas ganz Besonderes an einer Kunstform, die neu entstanden ist und sich um den Globus entwickelt hat. Verantwortlich dafür ist laut dem 55-Jährigen der Nachwuchs der Szene: “Es gibt immer die jungen Leute, die sich in der Pubertät für das Thema interessieren und nachkommen und die eben auch illegal arbeiten. Und so bleibt Graffiti immer jung.”

Während DAIM vielbeachtet 543 Sprühdosen für das welthöchste Wandgemälde verbraucht, gibt es gleichzeitig immer noch Jugendliche, die im Dunkel der Nacht mit Kapuzenpullover und klopfendem Herzen ihre erste Sprühdose in der Hand halten und ihren Namen auf einem Stromkasten hinterlassen.

Unabhängig davon, ob manche Graffiti-Kunst inzwischen hoch angesehen ist, hat die Sprühdose auch hundert Jahre nach ihrer Erfindung nichts an Magie verloren: Noch immer bietet sie jedem die Chance, sich kreativ auszudrücken – und dabei sichtbar zu sein.

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